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Celle Stadt Abschreckend und anziehend: Mit Volldampf aufgetischte Rebellion
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Abschreckend und anziehend: Mit Volldampf aufgetischte Rebellion
14:37 13.06.2010
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Celle Stadt

Von Silja Weißer

CELLE. Von wegen kleiner Malersaal. Das Premierenpublikum erlebte am Freitagabend im Schlosstheater die wundersame Metamorphose des sonst recht überschaubaren Raumes zum Durchgangszimmer für drei weitere, nicht sichtbare Spielorte. Hinter der einen Tür das Telefon, hinter der nächsten der Pool, hinter der dritten der Weg nach draußen. Ein kluger Schachzug von Regisseur Lars Wer-necke. Sind es doch vier Unruhegeister, die in „Die fetten Jahre sind vorbei“ nach dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner ständig viel Platz und Rückzugsmöglichkeiten brauchen. Doch von vorne: Jan und Peter, gespielt von Ronald Schober und Marcel Schälchli, rebellieren gegen das Bürgertum und „Bonzen“. Sie brechen in Villen ein. Mitgehen lassen sie dabei nichts, stattdessen stellen sie das Mobiliar auf den Kopf. Als Jule (Gabriela Lindlova), erst Peters, dann Jans Freundin, einsteigt, hat der Spaß der Revolte ein jähes Ende. Topmanager Hardenberg (Hartmut Fischer) überrascht sie und wird kurzerhand entführt.

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Zwischen dem Bonzen und den Idealisten entwickelt sich eine eigenartige Beziehung.

Wernecke lässt das Publikum nicht außen vor. Neben direkten Ansprachen, Aug in Aug, darf mal der Suppenteller gehalten werden oder die Zuschauer übernehmen die Rolle von Disco-Besuchern, zwischen denen sich das Trio drängelt.

Auch sonst macht es der Regisseur unmöglich, in den 90 Minuten auszusteigen. Wummernde Musik, flackerndes Licht, Gerenne, Gebrülle. Das kühle Grau der Kulisse (Bühne: Birgit Bott), Betonklötze mit spärlichen Requisiten, schafft Distanz. Es entsteht eine Welt, die abschreckt und

zugleich fasziniert, so auch

die ziellose Energie der drei Akteure.

Dabei überspannt Ronald Schober besonders anfangs den Bogen leicht. Etwas weniger Aggressivität, weniger Schärfe im Blick, eine nicht so gepresste Stimme, würden der Glaubwürdigkeit des sensiblen Anführers guttun. Schälchlis und Lindlovas laute Töne dagegen heben sich überzeugend ab von ihren feinfühlig gespielten, leisen Momenten.

Hartmut Fischer sammelt Sympathiepunkte als Alt-68er, die er behält, als er gesteht, jetzt „müde zu sein“, aber trotz seiner angehäuften Millionen nicht glücklich.

Am Ende löffeln sie einträchtig ihr eingebrocktes Süppchen aus, das, wenn man den Elektroherd versehentlich anlässt, auch schon mal überraschend heftig dampfen kann.

Der Nachgeschmack bleibt bitter. Ein Patentrezept gegen die Erkrankung der Gesellschaft gibt es nicht. Ein beeindruckender Abend.

Von Silja Weißer