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Celle Stadt Anrührend und beklemmend aktuell
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Anrührend und beklemmend aktuell
14:03 13.06.2010
Oliver Jaksch, Gabriela Lindlova, Sibille Helfenberger in Liliom. Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
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Für das an leichte französische Kost gewöhnte Premierenpublikum im Budapester Lustspieltheater muss Molnárs Vorstadtlegende „Liliom“ mehr als nur verwirrend gewesen sein. Statt Schauspieler mit Frack und Fliege und Damen in den neuesten Pariser Modellen, gab es mit dem Kirmes-Ausrufer und rauflustigen Tunichtgut Liliom und seiner ebenso resoluten wie eifersüchtigen Chefin Frau Muskat, mit dem einfachen Dienstmädchen Julie und ihrer mittellosen Freundin Marie und auch mit dem Kleinkriminellen Ficsur ausgesprochene Looser und Prekariatsvertreter auf der Bühne. Voller Träume zwar, aber unfähig zur Selbstreflexion. Hinzu kam mit befremdlicher Wirkung sicher auch das „Polizeirevier im Himmel“, bei dem sich Selbstmörder für ihr Tun auf der Erde verantworten müssen und für einen Tag zurückgeschickt werden, um Gutes zu tun. Aber ein Märchen ist „Liliom“ deswegen ebenso wenig wie eine Tragödie, auch kein Sozialdrama und erst recht keine Komödie; auch wenn das vielfach so gesehen wird und alle Ansätze dazu vorhanden sind.

Am ehesten bleibt „Liliom“ mit seinen einfachen Menschen wohl ein Volksstück voller Heiterkeit und Wehmut, voller menschlicher Härte und anrührender Poesie. Ein schwieriger Balanceakt für jeden Regisseur und in der Akzeptanz durch das Publikum bisweilen schwierig.

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Ina-Kathrin Korff verzichtet in ihrer Inszenierung im schlichten, behutsam andeutenden Bühnenbild von Manfred Breitenfellner auf jegliche Rummelplatzatmosphäre und nähert sich dem Thema mit sehr viel Fingerspitzengefühl und untrüglichem Gespür für feine Nuancen. Dabei widersteht sie erfolgreich der Versuchung, jene komischen Szenen, die der Tragik oft innewohnen, grotesk zu überzeichnen oder ihnen allzu großen Raum zu gewähren. Viele stille Momente und der geschickte Wechsel im Sprech- und Spieltempo schaffen zahlreiche anrührende Augenblicke von beklemmender Aktualität in einer Welt, die von Perspektivlosigkeit, Verzweiflung und Sprachlosigkeit geprägt ist. Dazu hat Korff eine schauspielerische Besetzung zur Verfügung, die blendend in der Lage ist, ihre sozialkritischen Intentionen und die wortkarge Liebe zwischen Liliom und Julie in den Mittelpunkt zu rücken. Oliver Jaksch gibt seinem Liliom stark authentische Züge mit einer scheinbaren Brutalität, die aus Unsicherheit resultiert und auf Nähe panisch reagiert. Rührend die Szene, in der er schüchtern versucht, Julies Hand zu ergreifen und sich in plötzliche Aggressivität flüchtet. Gemeinsamkeiten haben sie nicht und wenn sie reden, dann reden sie aneinander vorbei. Als Julie glänzt Gabriela Lindlova mit vielen emotionalen Facetten vom verunsicherten, störrischen Teenager bis hin zur erwachsenen Frau, die erst dann dürre Worte findet und Gefühle äußern kann als Liliom bereits tot ist.

Ganz im konventionellen Rahmen dagegen bleibt die Annäherung von Marie (glänzend differenziert Sibille Helfenberger) und Wolf (in seiner Eitelkeit vielleicht eine Spur zu überzogen Christian Melchert). Einen schmierigen, auf hohen Plateausohlen daherschleichenden, omnipräsenten Ficsur gibt überzeugend Daniel Brockhaus und mit offenkundiger Eifersucht agiert Christina Rohde als Frau Muskat. In weiteren Rollen beweisen sich Lena Eikenbusch/Julenka Stella Werkmeister als Luise, Christine Richter als Frau Hollunder, Christian Meyer als der junge Hollunder, Jürgen Kaczmarek als Linzmann/ Dr. Reich , Thomas Henniger von Wallersbrunn als Stadthauptmann, Jean-André Priol als Schutzmann und Thorsten Henning als Polizist. Viel verdienten Beifall gab es am Schluss.

Von Hartmut Jakubowsky