Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Stadt Anwohner gegen Psychiatrie-Pläne
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Anwohner gegen Psychiatrie-Pläne
21:04 04.07.2011
Von Gunther Meinrenken
Schwesternwohnheim für Psychiatrie Quelle: Peter Müller
Celle Stadt

Hinter der Unterschriftenaktion steht der Rechtsanwalt und frühere Leiter des Rechtsamts der Stadt Celle, Walter Hausemann. Dass quasi in seinem Namen mit solchen Argumenten Stimmung gegen die Pläne des Klinikums Wahrendorff gemacht wird, findet er "unmöglich" und „voll daneben“. Hausemann geht es um etwas anderes. Er will, dass für das Gebiet ein Bebauungsplan aufgestellt wird.

Dabei ist Hausemann selbst gar nicht betroffen. Der Rechtsanwalt Ulf Kerstan, der mit Hausemann in derselben Kanzlei arbeitet, ist Anwohner und habe ihn gefragt, „was man denn da machen könne“, berichtet der in Verwaltungsrechtsfragen versierte Anwalt, der daraufhin das Schreiben, das sich an Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) und Stadtbaurat Matthias Hardinghaus (CDU) richtet, aufgesetzt hat. „Es muss die Frage geklärt werden, ob sich das Objekt einfügt“, so Hausemann.

Dabei, so heißt es in dem Schreiben, dem sich etwa 100 Celler, darunter aber auch Bürger, die überhaupt nicht in der Gegend wohnen, angeschlossen haben, werde deutlich, „dass es zu erheblichen städtebaulichen Spannungen im Verhältnis von Klinik- und Wohnnutzung in und um den Bereich der Wittingerstraße kommen wird. Auch wird es wegen zu erwartender zusätzlicher Verkehrsströme erforderlich werden, die Parkraumsituation und die An- und Abfahrtswege neu zu überdenken, ist doch schon die derzeitige Situation mehr als unbefriedigend“.

Mit einem B-Plan könnten die Anwohner „sich mit konstruktiven Anregungen und Bedenken in die Planung einbringen“, meinte Hausemann. Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist. Denn bisher ist das Gebiet um das AKH baurechtlich quasi ungeregelt. Mit einem Bebauungsplan könnte festgelegt werden, wohin die Reise in Zukunft gehen soll. Allerdings braucht man für das Aufstellen eines B-Plans etwa eineinhalb Jahre. In dieser Zeit könnten Bauvorhaben auf Eis gelegt werden, müssten es aber nicht.

Ob die Anwohner zur Not auch gegen eine Baugenehmigung des Klinikums Wahrendorff klagen würden, lässt Hausemann offen. Allerdings, so deutet er an, „verschaffe ein B-Plan auch der Stadt mehr Sicherheit vor Gericht“. Anwohner und Anwaltskollege Ulf Kerstan stellt klar, dass es ihm nicht darauf ankomme, „alles pauschal zu verhindern. Wir wollen nur endlich wissen, was dort geplant ist".

Das kann Rainer Brase, Geschäftsführer des Klinikums Wahrendorff nachvollziehen. Dass allerdings auch immer wieder Ressentiments gegen psychisch Kranke geschürt werden, kennt er bereits: „Das sind die üblichen Vorbehalte, die in Teilen der Bevölkerung leider immer noch bestehen.“ Gunther Meinrenken

Klinikum Wahrendorff stellt Planungen vor

CELLE. Die Planungen des Klinikums Wahrendorff für psychiatrische Stationen sorgen bei den Anwohnern in der Nachbarschaft des AKH für Unruhe (siehe Artikel oben). Mit Schuld daran ist, dass die beiden bisher geplanten Informationsabende im Rahmen einer Ortsratssitzung nicht zustande kamen, so gesehen niemand weiß, was genau an die Stelle des jetzigen Schwesternwohnheims kommen soll. In der Celleschen Zeitung erklärt Dr. Rainer Brase, einer von drei Geschäftsführern des Klinikums Wahrendorff, nun das Vorhaben.

„Wir wollen zwei psychiatrische-psychosomatische Stationen einrichten. Jede dieser Stationen soll 24 Betten umfassen. Hinzu kommt eine Tagesklinik für Erwachsene mit 15 Plätzen", erläuterte Brase die Kapazitäten des Neubaus, der „ähnlich groß sein wird wie das jetzige Schwesternwohnheim, vielleicht einen Meter breiter“. Gerüchten, die bereits unter den Anwohnern kursieren, wonach es sich um geschlossene Abteilungen handeln soll, tritt Brase entgegen: „Es werden offene Abteilungen sein, bei denen die Möglichkeit besteht, wenn es denn erforderlich ist, auch Patienten vorübergehend geschlossen unterzubringen."

Depressionen, Verwirrtheitszustände, Suchtprobleme - dies seien die vornehmlichen Krankheitsbilder der Patienten, für die eine Behandlung in dem geplanten Psychiatriekomplex in Frage komme. „Patienten mit ausgeprägten und schwierigen Verläufen werden weiterhin direkt im Klinikum Wahrendorff untergebracht", stellte Brase klar, der für das Konzept der wohnortnahen Versorgung warb. „Wir haben bei uns pro Jahr etwa 800 Patienten aus dem Landkreis Celle. Sowohl für deren Versorgung, als auch für die Angehörigen, ist es von großem Nachteil, dass sie mindestens eine Stunde Fahrt auf sich nehmen müssen, um zu uns zu kommen. Eine psychiatrische Klinik in Celle wird daher eine große Angebotslücke schließen“, sagte Brase.

In dem Celler Ableger des Klinikums Wahrendorff sollen 50 Mitarbeiter arbeiten, von denen etwa 12 gleichzeitig tätig sein werden. Insgesamt werde man für die Angestellten und die Besucher um die 20 Parkplätze bauen - und zwar auf dem Gelände des jetzigen Schwesternwohnheims. So gesehen müssten die Anwohner nicht befürchten, durch weiteren Verkehr, der von der Einrichtung ausgeht, belästigt zu werden, ist Brase überzeugt.

Im Augenblick werde das Gebäude zusammen mit der Oberfinanzdirektion- das Land gibt Zuschüsse - geplant. Baubeginn soll im Spätsommer 2012 sein. Die Fertigstellung soll Ende 2013 erfolgen. Insgesamt will das Klinikum Wahrendorff 6 Millionen Euro investieren.

Meinung

Nicht bei mir

Zugegeben, wer in der Nähe des Allgemeinen Krankenhauses wohnt, hat unter bestimmten Nachteilen zu leiden. Mitarbeiter und auch Besucher parken in den Nebenstraßen, an der Klinik vergeht zudem überspitzt formuliert kaum ein Monat, in dem nicht irgendwelche Bauarbeiten vorgenommen werden. Dass die Anwohner mit dieser Situation unzufrieden sind, hat sich bereits in der Vergangenheit gezeigt.

Der Widerstand gegen den Bau einer psychiatrischen Klinik in AKH-Nähe ist denn wohl auch dadurch mit bedingt, dass die Nachbarn des größten Celler Arbeitgebers ihre Interessen bei den Vorhaben des Krankenhauses nicht berücksichtigt wissen. In der Tat könnte hier ein Bebauungsplan Klarheit darüber schaffen, was denn in diesem Bereich in Zukunft noch entwickelt werden soll - und wie man dabei gedenkt, auf die Nachbarn Rücksicht zu nehmen.

Die Frage ist nur, ob es im Falle eines Ablegers des Klinikums Wahrendorff überhaupt darum geht. Bei der Sammlung der Unterschriften hat sich gezeigt, dass Vorurteile gegenüber psychisch Kranken instrumentalisiert wurden. Und das entspricht dann doch eher dem Sankt-Florian-Prinzip, das auch in Celle gerne zur Anwendung kommt. "Kindergärten", heißt es da zum Beispiel von natürlich kinderlieben Nachbarn, "sind wirklich wichtig, aber doch bitte nicht bei uns" und andere wehren sich erfolgreich gegen einen Straßenausbau, um bei der Arbeit nicht von zusätzlichem Verkehr gestört zu werden.

So kann man bei allen Vorhaben Bedenken ins Feld führen und in letzter Konsequenz die Angelegenheit vor Gericht klären. Nur auf Dauer lässt auf diese Art und Weise kein Gemeinwesen organisieren. Gunther Meinrenken