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Celle Stadt „Die deutsche Elite spielt ein Doppelspiel"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Die deutsche Elite spielt ein Doppelspiel"
15:54 19.05.2019
Nahm kein Blatt vor den Mund: Arye Sharuz Shalicar. Quelle: Anke Schlicht
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Celle

Diesen Mann, der da auf dem kleinen Podium in der Paul-Klee-Schule sitzt, einen interessanten Gast zu nennen, wäre untertrieben. Arye Sharuz Shalicar hat eine so außergewöhnliche Biographie, dass er die deutsche Gesellschaft aus einer ungewohnten Perspektive betrachten kann, was seinen Auftritt zu einem Ereignis werden lässt.

Alltäglicher Antisemitismus

„Ich nehme kein Blatt vor den Mund“, sagt Shalicar, der einer Einladung des Netzwerkes gegen Antisemitismus gemeinsam mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hannover gefolgt ist, während der sehr angeregten Diskussion, die sich an die Lesung aus seinem neuen Buch „Der neu-deutsche Antisemit“ anschließt. Der Politologe versucht erst gar nicht, neutral zu wirken, sondern verleiht mehrfach seiner emotionalen Betroffenheit Ausdruck: „Es beschämt mich, dass es in Deutschland Antisemitismus gibt. Dies ist das Land, wo ich geboren bin.“ Und in dem er an einem Ort aufwuchs, wo „die Muslime den Ton angeben“. Der Berliner Wedding war sein Zuhause. „Und das war in den 90ern, das hatte nichts mit Syrien zu tun“, stellt der heute für die israelische Regierung arbeitende Autor der Schilderung einer Begegnung voran, die sein Leben grundlegend veränderte und zu einem Schlüsselerlebnis wurde.

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Schon Kinder lernen hassen

Als 14-Jähriger hatte er sich auf dem Gymnasium mit einem Deutsch-Inder befreundet. „Alle Juden sollen getötet werden, sie sind unsere Feinde“, sagte dieser, nicht ahnend, dass sein Freund Mitglied dieser Glaubens- und Wertegemeinschaft ist. „Er begrub unsere Freundschaft von einer Minute auf die andere, nie wieder sprach er ein Wort mit mir, nachdem ich mich als Jude zu erkennen gegeben hatte“, zitiert Shalicar aus seinem Buch. Im Jahr 2001 wanderte er nach Israel aus, studierte dort Politik mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen und wurde Sprecher der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, bevor er seine beratende Tätigkeit für die Regierung aufnahm. Die Form von Antisemitismus, mit der er im Berliner Wedding konfrontiert wurde, begleitete ihn sein Leben lang. Er grenzt ihn ab von dem, was er vor drei Jahren bei einer Demonstration in Berlin erlebte, „Juden ins Gas“, stand auf einem Plakat. „Das ist ein neuer deutscher Antisemitismus, den gab es damals hier so nicht“, konstatiert der Autor, bevor auf die „hohe Politik“, wie er es nennt, überleitet.

Doppelspiel mit Krokodilstränen

Manche Entscheidung deutscher Politiker und die Haltung einiger deutscher Medien missfallen Arye Sharuz Shalicar. „Dass es keinen Aufschrei gegeben hat, als der Bundespräsident dem Iran zu 40 Jahren Revolution gratuliert hat“, nennt er als Beispiel. Die Berichterstattung über Israel hält er für sehr einseitig. An Gedenktagen würden Krokodilstränen vergossen und der Kopf gesenkt, andererseits nehme man den Iran, der Israel ausradieren wolle, in Schutz. „Die deutsche Elite spielt ein Doppelspiel“, lautet eine These Shalicars. Beim Thema Iran kommt wiederum eine Besonderheit seines Lebenslaufes zum Tragen: Ein Elternteil stammt aus dem Iran, Shalicar ist somit ein deutsch-israelisch-iranischer Autor, der auch den sich aktuell zuspitzenden Konflikt zwischen dem Iran und den USA aus einer speziellen Perspektive betrachten kann. Die Lesung müsste deutlich länger sein, um das Potenzial von Shalikar voll auszuschöpfen, der sowohl von außen als auch als jemand, der hier aufgewachsen ist, einen Blick auf die deutsche Gesellschaft werfen kann, und der abweicht vom Gewohnten. Von daher ist die Lesung mindestens so interessant wie die Biographie von Arye Sharuz Shalicar selbst.

Von Anke Schlicht

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