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Celle Stadt Auch in der Kunst ist das Leiden eine Gunst
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Auch in der Kunst ist das Leiden eine Gunst
14:10 13.06.2010
Marcus Jeroch Quelle: Peter Bierschwale
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Mit seinen geschminkten Lippen und einer Perücke, über die kürzlich ein Rasenmäher gefahren sein musste, wirkte Marcus Jeroch schon etwas skurril, aber sein Programm „Höher Hören“ passte exakt dazu. Wie eine Mischung aus dem dürren Karl Valentin und einem zappeligen Einstein trug er hauptsächlich Gedichte von Friedhelm Kändler vor, die in ihrer Verquickung von ernsthafter Philosophie mit offensichtlichem Blödsinn, der gleichzeitigen Konstruktion und Zerschlagung der deutschen Sprache einzigartig sind.

Jaroch ist bekennender „WoWo-ist“, ein Begriff, der von Kändler geprägt wurde: „WoWo ist die Frage auf die Antwort des Dada.“ Doch „WoWo“ ist spannender. Da stritten sich in dem Gedicht „Das L auf Wanderschaft“ ein Vater-L und ein Sohn-L über die Frage, ob man sich denn als L immer sklavisch an die vorgegebene Reihenfolge der Buchstaben halten müsse. Durch die „L-Wanderschaften“ wurde dann aus „Leiche“ „Eichel“, was die Nonsensanteile ausmachte, aber was in diesem Gedicht an Gedanken über die Beziehung von Ordnung und Chaos enthalten war, konnte manches Philosophie-Seminar ersetzen.

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Den roten Faden seines Programms bildete eine kuriose Fortsetzungsgeschichte über eine Schnecke, die, rücklings an der Zimmerdecke kriechend, an der Frage verzweifelt, ob es sich bei der Lampe vor ihr nun um eine Steh- oder eine Hängelampe handele. Zwischen zwei Teilen dieser Geschichte hub Jeroch dann zu einer Predigt an, aber nicht zu einer religiösen, denn „Re-“ligion bedeute rückwärtsgewandt, er wolle stattdessen „Proligion“ predigen, also etwas „nach vorn Gewandtes“.

Allein die Vielzahl der Gedichte, die er allesamt im Kopf hatte, nötigte dem Publikum Respekt ab, doch seine Art, diesen Gedichten mit seiner Sprachgewalt Leben einzuhauchen, stellte eine wahre Kunst dar.

Von Peter Bierschwale