Celler Rockmusiker brechen wegen der Coronakrise die Einnahmen weg
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Celler Rockmusiker brechen wegen der Coronakrise die Einnahmen weg

14:38 02.04.2020
Von Jürgen Poestges
So wollen wir sie am liebsten möglichst bald wieder erleben: Live auf der Bühne: Hier sind es Martin Connell und sein „True Dramatics“, die im Februar in der CD-Kaserne zu sehen waren. Quelle: Oliver Knoblich
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Celle

"Absoluter Stillstand in der Musik"

Moritz „Mutz“ Hempel: „Ich sehe das Ganze mal positiv“, sagt Moritz „Mutz“ Hempel. „Ich komme durch die Zwangspause dazu, einige Sachen in Ruhe abarbeiten zu können.“ So sind zum Beispiel beim Auftritt mit seiner Band „Black Eyed Banditz“ Ende Februar im Schlosstheater einige Videos entstanden, die jetzt in Ruhe geschnitten werden können. „Außerdem bereite ich gerade die Werbung für die Veröffentlichung des neuen Albums im Sommer vor“, sagt der Celler Musiker. Dazu hat er auch viel damit zu tun, seine im Januar in eine GmbH umgewandelte Firma für Veranstaltungs-Rigging, dem Auf- und Abbau der Fachwerkträger Veranstaltungen, und Bühnenbau am Laufen zu halten. „Sowohl da, aber auch mit der Musik ist im Moment absoluter Stillstand“, sagt er. Er selber habe vier Konzerte absagen müssen, die eigentlich bis Ende April stattfinden sollten.

Er sei auch kein Freund davon, kleine private Konzerte auf Facebook zu posten. „Ich weiß, das machen viele derzeit. Und das ist ja auch gut so. Aber das ist nicht wirklich eine Sache, die ich mir für mich gut vorstellen könnte.“

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"Die Welt wir ein wenig gerechter sein"

Mutz geht davon aus, dass uns das Kontaktverbot noch eine Weile begleiten wird. „Ich hoffe für meine beiden Branchen, die Musik und den Bühnenbau, dass es im Juni oder Juli zumindest in den kleineren Veranstaltungsorten wieder losgehen kann.“ Er glaubt, es werde den Effekt geben, dass die Menschen auch die kleineren Konzerte und Veranstalter anders wahrnehmen werden als vor den Corona-Zeiten. „Ich glaube, die Welt wird ein wenig gerechter sein, wenn wir das alles überstanden haben.“ Und die Menschen werden auch Konzerte in kleinen Veranstaltungsräumen wieder mehr zu schätzen wissen, hofft Mutz.

Martin Connell: Für Martin Connell sieht es zwar nicht ganz so schlecht aus, was die finanziellen Mittel betrifft. Er arbeitet halbtags bei Lobetal. „Was allerdings meine Selbstständigkeit anbetrifft, das liegt im Moment alles brach“, sagt der Celler Musiker, der eine Gesangsschule leitet. „Ich bin gerade dabei, das alles auf online umzustellen. Allerdings ist es nicht so einfach. Ich kann da nicht selber mitsingen, deshalb versuche ich jetzt, einzelne Module zusammenzustellen, die ich den Schülern zuschicken kann, gemeinsam mit einigen Aufgaben für sie.“

Auftritte bis Ende Mai abgesagt

Was seine Auftritte anbetrifft, egal ob solo oder mit seiner Band „The True Dramatics“, sieht er vorläufig keine Chancen, „Jetzt wurde ein Auftritt für Ende Mai bereits abgesagt. Es weiß ja auch keiner, wie lange das alles noch andauern wird.“ Deshalb will er sich nun auch keine großen Hoffnungen machen. „Wenn ich jetzt etwas plane und es fällt dann wieder aus, bin ich umso mehr enttäuscht.“

„Ich bastele im Keller Zigarrenkisten-Gitarren"

Stattdessen versucht er, das Beste aus der Situation zu machen. „Ich bastele im Keller Zigarrenkisten-Gitarren, das ist mein neues Hobby“, erzählt er lachend. „Und dann halt Songs schreiben und den Bandmitgliedern schicken, damit die ihrer Dinge dazu packen können. Wir haben schon gescherzt: Wenn die Corona-Krise vorbei ist, haben wir ein neues Album zusammen.“ Nur die gemeinsamen Proben fallen derzeit aus. „Wir dürfen uns ja nicht treffen. Wir nehmen das Kontaktverbot schon sehr ernst“, sagt Connell. Und er gesteht: „Zum Anfang der Krise hatte ich schon ein bisschen Angst. Allerdings denke ich, wenn wir uns alle an die Richtlinien halten, dann werden wir auch gemeinsam alles durchstehen.“

Andreas Hentschel: Andreas Hentschel ist als Gitarrist unter anderem bei der Celler Band „Mama‘s Cooking“ aktiv. Hauptberuflich betreibt er drei Musikschulen in Hannover. „Deshalb liegt auch meine eigene Musik derzeit brach“, sagt er. „Gerade versuche ich, die Musikschulen am Laufen zu halten, und baue den Online-Betrieb auf.“ Die Resonanz auf das Angebot über das Internet sei derzeit recht gut.

„Sitze alleine und passe auf“

Aus Sicherheitsgründen habe er jetzt seine komplette Verwaltung in das Homeoffice geschickt. „Ich sitze jetzt alleine hier und passe auf“, sagt er lachend. Auch privat nehme der die Verhaltensregeln durchaus ernst. „Meine Frau und ich bleiben zu Hause, den Einkauf übernehme ich.“

Gemeinsame Proben nicht möglich

Auch in der Band sind sich alle einig, dass gemeinsame Proben im Moment nicht sinnvoll sind, auch wenn es schade ist. Zumal alle „Mama‘s Cooking“-Auftritte bis Mitte Mai schon ausfallen. „Und danach muss man schauen, wie es weitergeht. Es ist ja nicht abzusehen, wann es wieder halbwegs normal wird.“ Wobei er schon die Idee hat, bei einer Lockerung der Kontaktverbote vielleicht das ein oder andere kleine Konzert spielen zu können. „Vielleicht kann man das ja so regeln, dass man nur begrenzte Zahl an Karten ausgibt und die Plätze im Raum weiträumig verteilt.“

„Musikland Niedersachsen“ hilft

Hentschel, der auch im Landesmusikrat Niedersachsen aktiv ist, weiß um die Existenzängste gerade der Berufsmusiker. „Da geht ja im Moment wirklich gar nichts außer dem ein oder anderen Konzert über Facebook, bei dem vielleicht ein bisschen Geld hereinkommt.“ Hilfe bietet das die Organisation „Musikland Niedersachsen“. Hier wurde gerade eine Umfrage unter den Berufsmusikern gestartet. „Einfach, um einmal herauszubekommen, wo bei den Musikern der Schuh gerade am meisten drückt und dann die entsprechende Lobbyarbeit zu leisten, die sonst niemand macht. Viele Musiker stehen derzeit buchstäblich vor dem Nichts. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht.“

Uli Wißmann: Uli Wißmann ist einer der Berufsmusiker, die derzeit ohne Auftritte auskommen müssen. „Im Moment hoffen wir da auf die zweite Jahreshälfte. Da stehen bisher noch einmal rund 20 teils sehr gut bezahlte Konzerte auf dem Programm, die allerdings auch noch ausfallen könnten“, sagt der Musiker. „Und die privaten Instrumentalschüler könnten mir wegbrechen. Da geht der Verlust in die Zig-Tausende.“ Er werde bei den verschiedenen Institutionen um Ausgleichszahlungen bitten müssen. An der Kreismusikschule, an der er als Lehrer tätig ist, werde im Moment mit Hochdruck an Möglichkeiten des Online-Unterrichtes gearbeitet. „Das würde ich meinen privaten Schülern dann auch anbieten.“

„Ich fühle mich gut aufgehoben“

Er selber hält sich strikt an die Vorgaben des Kontaktverbotes. „Ich fühle mich da wirklich sehr gut aufgehoben und finde die Sicherheitsmaßnahmen angebracht. Derzeit sitze ich eben meistens zu Hause. Ab und zu drehe ich mal eine Runde mit dem Hund, aber auch da sehe ich nicht so sehr viele Leute.“

„Träumerei“ von Robert Schumann für Gitarre arrangiert

Aber Wißmann sieht auch das Positive. „Man kann einmal Dinge üben, für die man sonst keine Zeit hat. Ich habe zum Beispiel kürzlich das Klavierstücke „Träumerei“ von Robert Schumann für Gitarre arrangiert.“ Und man hätte auch Zeit zum Komponieren. „Allerdings besteht da derzeit nicht die große Notwendigkeit. Ich habe über 100 Stücke geschrieben, meine Rock-Sinfonie „Hymn of the Earth“ wurde vor rund zwei Jahren nur zweimal aufgeführt. So ein Projekt kostet einiges, und es gab weder genug Veranstalter noch Sponsoren, die die Gelder dafür aufwenden wollten.“ Das Erscheinen seines neuen Albums „American Dream – American Drama“, das eigentlich jetzt herauskommen sollte, wird sich aufgrund der Coronakrise auch verschieben.

Ein bisschen experimentieren

Und es ist die Zeit da, um einmal ein bisschen zu experimentieren. „Neuartig und interessant, aber eben auch ein bisschen Spielerei“, sagt Wißmann. Konkret heißt das: Die linke Hand spielt auf einer besonders gestimmten Gitarre Akkorde von der Oberseite des Instrumentes. Die rechte Hand erzeugt die Melodie direkt auf dem Griffbrett, beide Hände klopfen drumherum einen Rhythmus auf dem Holz der Gitarre.

Neben der Musik schreibt Wißmann auch Romane. Die letzten vier Bücher waren Thriller, die in Indianerreservaten in den USA spielen. Sein neuestes Buch heißt „Nicht schön, aber laut“ und erzählt die Geschichte eines Rockmusikers. „Er liegt bei einigen Verlagen, die Resonanz war ganz positiv. Aber für die Veröffentlichung hat sich noch niemand gefunden. Wohl auch aufgrund der allgemeinen Unsicherheit passiert da nicht viel. Da habe ich Zeit, um über den Plot des neuen Buches nachzudenken“, sagt er lachend.

Auf „Startnext.com“ geben diverse Künstler, darunter auch´Mutz, gegen Spenden Online-Konzerte, mit denen andere Künstler unterstützt werden. Bei „music@home“ gibt es am 7. April ab 20 Uhr Martin Connell live auf Facebook.

Christian Link 02.04.2020
Christoph Zimmer 02.04.2020
Benjamin Behrens 02.04.2020