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Celle Stadt Der Wolf wird kommen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Der Wolf wird kommen
15:30 13.06.2010
Von Michael Ende
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Celle Stadt

Eine Wolfs-Fährte. Schnurgerade verläuft sie quer über den Bundeswehr-Standortübungsplatz Scheuen, bevor sie sich im Wald bei Hustedt verliert. Auf Funde wie diese sollten sich die Celler einstellen, denn Wölfe brauchen keine menschenleere Tundra als Lebensraum. Auch im relativ dicht besiedelten Celler Land könnten die Tiere eine Nische finden – und sie sind längst auf dem Weg hierher. „Absolut kein Grund zur Panik“, sagt Helge John, Wolfsberater für den Landkreis Celle: „Wir alle sollten uns schon jetzt mit dem Gedanken beschäftigen, dass wir eines vielleicht gar nicht allzu fernen Tages mit Wölfen in unserer direkten Nachbarschaft zu tun haben werden.“ Kann das gut gehen? John nickt: „Das geht.“

Rheinmetall-Gelände bei Unterlüß, ganz kürzlich Breitenhees – immer wieder werden Wolfssichtungen gemeldet. Die Tiere mit dem lateinischen Namen Canis lupus wandern aus dem Osten zu uns – allerdings nicht in Rudeln in breiter Front: Einzelne unternehmungslustige Wölfe machen sich immer wieder auf den Weg, um neue Territorien zu erkunden. Und diese Wege können lang sein, wie John berichtet: „Beispiele von besenderten Wölfen aus der Lausitz zeigen, dass die Tiere Strecken von 50 Kilometern in einer Nacht oder im Extremfall Strecken von 1500 Kilometern in sechs Monaten zurücklegen können.“ Das heißt: Wölfe können wörtlich über Nacht in Celle auftauchen und die Region als neuen Lebensraum besiedeln.

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Und was dann? Jagen dann Wölfe Menschen und Menschen Wölfe? John schüttelt den Kopf: „Beispiele der Koexistenz Mensch-Wolf aus der Lausitz zeigen, dass entgegen der landläufigen Meinung, dieses gut möglich ist. Das Problem ist, dass wir unser Wissen über den Wolf von den Gebrüdern Grimm haben und die meisten Leute – analog zu dem Glauben vieler Kinder, dass Kühe lila sind – der Meinung sind, er ernähre sich vorzugsweise von Ziegen und Großmüttern.“ Wie sich die Nahrung eines Wolfes in der naturräumlich durchaus mit dem Celler Land vergleichbaren Lausitz zusammensetzt, habe man in der Lausitz erforscht: „Reh-, Rot- und Schwarzwild machen etwa 95 Prozent der Nahrung aus und der Bedarf eines ganzen Wolfsrudels beträgt insgesamt rund 1,5 bis zwei Stück dieser Wildarten auf der jagdlichen Bezugsfläche von 100 Hektar pro Jahr“, so John.

Die „Gefahr“, die von Wölfen auf Menschen ausgehe, sei verschwindend gering, erläutert John: „Im 20. Jahrhundert sind in Europa acht Menschen von Wölfen getötet worden, davon die Hälfte von tollwütigen – und das bei derzeit etwa 30000 Wölfen in Europa. Jegliche Angstmacherei vor Wolfshybriden, hungrigen Wölfen in bitterkalten Wintern oder zutraulich gewordenen Wölfen durch Nichtbejagung geht an der Realität vorbei und dient meist nur der Unterstützung von privaten Interessen.“ Dass es beispielsweise in Indien Gebiete gebe, in denen auch heute noch Kinder von Wölfen getötet würden – wie auch von Schlangen, Leoparden oder Tigern – wird von John bestätigt: „Die Lebensumstände dort sind aber absolut nicht auf die unsrigen zu übertragen.“

Von Panikmache hält John gar nichts. Er plädiert für Ruhe: „Wir sollten der Zuwanderung der Wölfe gelassen entgegensehen und versuchen uns sachlich und nicht emotional mit dem Thema zu beschäftigen.“ Ein russisches Sprichwort lautet: „Geschrei macht den Wolf größer, als er ist.“

Kontakt: Wer glaubt, einen Wolf gesehen oder seine Fährte gefunden zu haben, dem steht Helge John unter s (0170) 7928001 als Ansprechpartner zur Verfügung – wobei er gleich einfügt, dass eine einzelne Spur oder ein Pfotenabdruck eines großen Hundes nicht von der eines Wolfes zu unterscheiden und ein diesbezüglicher Anruf wenig hilfreich sei. Hinweise zu Spuren oder der Losung von Wölfen finden sich auf den Internet-Seiten der Lausitzer Experten.

www.wolfsregion-lausitz.de

Konfliktpotential

„Dass es Übergriffe von Wölfen auf Haus- oder Weidetiere in unserer Region geben kann, sollte niemand ausschließen, der sich ernsthaft mit dieser Thematik beschäftigt“ erklärt der Wolfsberater Helge John. „Beispiele aus der schafreichen Lausitz zeigen aber auch hier, dass sich die Schäden deutlich vermindert haben, seit die Schafe eingezäunt oder die Herden von sogenannten Herdenschutzhunden begleitet werden.“ In den Gebieten, in denen es nun schon längere Zeit Wölfe gibt, seien Konflikte mit Schafhaltern oder anderen Tierzüchtern mittlerweile die Ausnahme.

Ängste und Bedenken vieler Jäger müsse man ernst nehmen, was sich aber schon darin zeige, dass die Wolfsberater gemeinsam von der Jägerschaft und dem Umweltministerium ausgewählt wurden. Des Weiteren waren Vertreter der Jägerschaften bei der Erstellung des in Kürze in Kraft tretenden Managementplanes zum Umgang mit dem Wolf von Anfang an mit am runden Tisch des Umweltministeriums.

„Wichtig ist aber nicht nur die offizielle Meinung der Jägerschaften, sondern die Akzeptanz bei den einzelnen Jägern vor Ort“ so John. Der Wolf sei zwar ihr Konkurrent, doch das nur in sehr beschränktem Maße: „Der Einfluss des Wolfs auf den Gesamtbestand des Wildes in unserem Landkreis wird wahrscheinlich gering sein, und das Rotwild ist auch im Wolfsgebiet der Lausitz noch tagaktiv. Streckenanalysen des erlegten Wildes zeigen, dass sich die Schwankungen bei den einzelnen Wildarten analog zu denen in wolfsfreien Gebieten bewegen.“