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Celle Stadt Der geteilte Mantel des heiligen Martin
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Der geteilte Mantel des heiligen Martin
13:33 13.06.2010
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Celle Stadt

Gezeigt wird uns, was wir alle im Grunde wissen: Es gehört sich, zu teilen. Dazu werden wir erzogen. Das sind wir einander schuldig. Eltern versuchen, ihre Liebe und Aufmerksamkeit auf ihre Kinder „gleichmäßig zu verteilen“. Generationen sind es einander schuldig, Lebenserfahrungen zu teilen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass auch der andere mitkommt und durch die offene Tür in Gottes Leben eintreten wird. Diese rücksichtsvolle Kraft, nichts verkrampft für sich zu behalten, bewundern wir an Novemberheiligen wie Martin von Tours und Elisabeth von Thüringen.

Gibt es auch Augenblicke, in denen wir nicht teilen können, wo jeder für sich sorgen muss? Es gibt Entscheidungen, die können wir nicht ewig vor uns herschieben. Es gibt verpasste Momente, die wir nicht mehr nachholen können. Es ist nicht egal, wie wir die Wartezeit des Lebens verbringen. Gerade der Ernst des Novembers erinnert mich an Unaufschiebbares, an die eigene Nachlässigkeit im Umgang mit der Zeit, an die Stunde der Wahrheit, an lähmendes Selbstmitleid, ausgebrannte Sehnsucht und nie mehr wiederkommende Chancen! Ich kann nicht alle Lebensvorräte einfach nachtanken. Es ist ein Glück, wenn ich rechtzeitig spüre, dass meine geistlichen Reserven zur Neige gehen und ich in meinem Gebetsleben auf dem Zahnfleisch laufe...

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Ich werde daran erinnert, dass ich eines Tages allein, mit meinem nackten Ich, unvertretbar, vor Gottes Jüngstem Gericht stehen werde: vor dem, der mich fragt, was ich dabei habe, wer ich unter seinen Augen geworden bin. Das mir geschenkte Leben – ich muss es selbst ergreifen, annehmen, gestalten. Ich kann einen anderen Menschen begleiten, ihm gut zureden; aber ob er Schritte der Veränderung, der Reife geht – ich habe es nicht in der Hand. Jeder ist für bestimmte Entscheidungen und Schritte seines Lebens selbst verantwortlich. Ich kann mich nicht immer darauf verlassen, dass andere für mich denken, vorsorgen, mitplanen. Einem traurigen Menschen kann ich meine Lebensfreude nicht so einfach wie durch Ansteckung weitergeben. Wir können einander nur zu einem wachen Leben mahnen, nur Hilfe und Zuspruch anbieten, nur durch unser Vorbild Überzeugungsarbeit leisten.

Auch Glaube ist nicht teilbar; ich kann nicht statt eines anderen Menschen glauben; ich kann meinen Glauben nur anbieten, mitteilen. Aber ob ein anderer sagen kann: „Ich glaube“, das habe ich nicht in der Hand. Ob ich selber in schweren Zeiten des Mangels genug dabei haben werde an geistlichen Schätzen? Keiner kann mir garantieren, dass mein Glaube für das ganze Leben reicht!

Andreas Tenerowicz

Dechant im Dekanat Celle

Von Andreas Tenerowicz