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Celle Stadt Die Belasteten - eine Gesellschaftsgeschichte mit Fehlern
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Die Belasteten - eine Gesellschaftsgeschichte mit Fehlern
16:21 26.06.2013
Von Andreas Babel
Celle

Das Gute vorweg: Aly gelingt eine gut lesbare Übersicht zu dem zeitgeschichtlichen Problem der „Euthanasie“. Diesen Begriff haben die Nazis gewählt, um ihre wahren Absichten, sich nämlich von ihrer Meinung nach „unwerten Essern“ zu trennen, zu verschleiern. Alys Buch ist gut lektoriert, kein Rechtschreibfehler stört.

Einige Seiten seines Werks widmet er dem in Wohlde geborenen und später in Celle tätigen Frauenarzt Dr. Heinrich Bunke (1914 bis 2001). Er weist nach, dass Bunke am Zuchthaus Brandenburg Kinder hat vergasen lassen, deren Gehirne er später selbst sezierte, weil der Hirnforscher Julius Hallervorden sie als „interessante Fälle“ „angefordert“ hatte.

Leider sind dem streitbaren Autor bezüglich des Hamburger Kinderkrankenhauses Rothenburgsort einige Fehler unterlaufen. In diesem Krankenhaus sind zwischen 1940 und 1945 mindestens 56 behinderte Kinder ermordet worden. Bis August 1943 wirkte hier in Hamburg auch die spätere Chefärztin der Celler Kinderklinik, Dr. Helene Darges-Sonnemann (1911 bis 1998), zuletzt als stellvertretende Leiterin.

Marc Burlon hat nämlich bereits 2009 in siebenjähriger Arbeit festgestellt, dass viele der Eltern getäuscht worden sind und keineswegs damit einverstanden waren, dass ihre Kinder getötet wurden. Doch diese im Internet veröffentlichte Dissertation scheint Götz Aly genauso wenig zu kennen wie die Arbeit von Hildegard Thevs in dem Band „Stolpersteine in Rothenburgsort“, der von der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung im Jahr 2011 herausgegeben worden ist. Thevs hat darin den Opfern ihre Namen und teilweise sogar ihr Antlitz wiedergegeben. In dem Kapitel über die Hamburger Morde an behinderten Kindern in zwei Hamburger Einrichtungen gibt Aly einige Namen der Assistenz-Ärztinnen falsch oder unvollständig an. Ein gravierender Fehler unterläuft ihm hier: Er bezeichnet die Ärztin Dr. Erika Rawie als standhafte Frau, die nicht bei den Tötungen mitgemacht hat. Ihr ist aber ein Mord nachgewiesen worden.

Wenn man derartig schlampig im Detail arbeitet, begibt man sich in Gefahr, angreifbar zu werden. Fehl am Platze sind Alys Angriffe auf andere Wissenschaftler in seiner Nachbetrachtung. Er nennt hier Namen von Kollegen, die angeblich von ihm abgeschrieben hätten. Er selbst hat indes auf Schreiben, die ihn auf seine Fehler hingewiesen haben, nicht reagiert.