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Celle Stadt Dubiose Spiele beim „Quartett“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Dubiose Spiele beim „Quartett“
14:36 13.06.2010
Dirk Hoener und Monika Häckermann als rastloses Paar in "Quartett". Foto: Volker Beinhorn Quelle: Volker Beinhorn
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„Tugend ist eine Infektionskrankheit“, sagt die Marquise de Merteuil. Und bleibt dieser Überzeugung ebenso treu wie der Vicomte de Valmont: Wenn diese beiden in Heiner Müllers „Quartett“ ihre dubiosen Spiele austragen und sich dabei gegenseitig beharken, geht jede Form von Ethik über Bord. Am Freitag um 20 Uhr läuft die Premiere im Malersaal.

Der Autor hat das Stück 1981 geschrieben und sich dabei auf eine 200 Jahre ältere Vorlage bezogen, den berühmten Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos. Schon hier hat echte Liebe keine Chance, Verführung ist nurmehr Wettinhalt und Machtmittel, ohne Skrupel wird mit den Gefühlen anderer Menschen gespielt. Müller konzentriert sich auf die beiden Hauptpersonen und steckt den zeitlichen Rahmen mit seinen Ortsangaben sehr weit ab, nämlich vom Zusammenbruch einer althergebrachten Gesellschaftsordnung bis hin zu Endzeitvisionen: Für ihn spielt die Handlung in einem „Salon vor der Französischen Revolution“ und in einem „Bunker nach dem dritten Weltkrieg“.

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Im Malersaal wird indes kaum etwas von alledem zu sehen sein. In eine bestimmte Epoche mag Regisseur Alfred Sieling seine Inszenierung nicht stecken: „Es gibt mit einem Rokoko-Reifrock einen Verweis auf die Vergangenheit. Aber Raum und Requisiten lassen den Zeitpunkt weitgehend offen.“ Der 48jährige Hamburger inszeniert das erste Mal in Celle, ist regelmäßigen Malersaal-Besuchern jedoch kein Unbekannter: In „Akte R“ stand er als Schauspieler auf der Bühne.

Bei Heiner Müller definieren sich die Stoffe eher über Sprache als über ausgearbeitete szenische Abläufe. Wie will Sieling verhindern, dass der Abend den Charakter eines Hörspiels annimmt? „Durch Leichtigkeit“, lautet die Antwort. „Man soll Schauspieler erleben, die verschiedene Rollen übernehmen und die eigenen tauschen. Und gerade weil die Inhalte so ungeheuerlich sind, muss das mit leichter Hand geschehen. Wenngleich es zwischendurch auch schon mal etwas heftiger wird.“ Eines will der Regisseur auf jeden Fall verhindern: „Eine Überfrachtung mit Interpretation. Davon möchte ich möglichst wenig haben.“

Abschreckende Gegenbeispiele sieht Sieling in manchen Inszenierungen der 80er Jahre: „Ich habe von einer Aufführung gelesen, bei der mehrere Gummiphalli auf der Bühne waren. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Es ist für mich auch nicht das eigentliche Thema des Stücks. Natürlich geht es auch um Sexualität, die Handlung wäre ohne das nicht denkbar. Aber mich interessiert mehr das Übergeordnete, nämlich das Maskenspiel. Es ist doch so, dass wir alle mit fünf oder sechs Masken durch den Tag gehen. Und es wird von uns erwartet, dass wir alles rational, mit Logik betrachten. Was aber steckt eigentlich hinter diesen Masken?“

Auf die Akteure Monika Häckermann und Dirk Hoener wartet definitiv keine leichte Aufgabe – heißt es doch, Schauspieler müssten zumindest irgendetwas an ihren Figuren lieben, was bei Merteuil und Valmont kaum vorstellbar erscheint. Wie sympathisch sind denn dem Regisseur die beiden Charaktere? „Natürlich sind das Monster“, meint Sieling nachdenklich. „An denen wir allerdings etwas erkennen können, was im Menschen offenbar auch angelegt ist. Nämlich wie es aussieht, wenn Moral keine Rolle mehr spielt.“

Von Jörg Worat