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Celle Stadt Ein Vogelhäuschen für den Gauleiter
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ein Vogelhäuschen für den Gauleiter
14:18 13.07.2011
Von Michael Ende
Präsentation des 2. Teils des „NS-Inventars“ im Celler Stadtarchiv Quelle: Torsten Volkmer
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Celle Stadt

Was schenkt man als Stadt einem Gauleiter, wenn man sich mit dieser prominenten Nazi-Charge gut stellen will? Als Celles Oberbürgermeister Ernst Meyer 1942 dem Gauleiter und Ehrenbürger Otto Telschow Honig um den Bart schmieren wollte, entschied er sich für ein Präsent, das zeigt, wie profan, banal und kleinbürgerlich es zuweilen im Terror-Staat des Dritten Reiches zuging: Die cleveren Celler schenkten Telschow ein hölzernes Vogelhäuschen - in besonders gediegener Ausführung, versteht sich. "Das war eine der wenigen absurd-komischen Geschichten, auf die ich im Rahmen meiner Arbeit gestoßen bin", sagt der Historiker Tim Wegener, der jetzt im Stadtarchiv den zweiten Teil seines Inventars zur Celler NS-Geschichte veröffentlicht hat. Der Rest der Geschichten war alles andere als komisch.

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So sei 1933 nach der Machtübernahme der Nazis Celle ohne viel Aufhebens auf den neuen Kurs umgeschwenkt, so Wegener. Die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung hätten sich "bereitwillig" der Linie der NSDAP angepasst: "Häufig ging aber das Handeln der Akteure über eine bloße Anpassung hinaus. Es finden sich zahlreiche Beispiele von initiativem Handeln von Verwaltung und Kommunalpolitik im nationalsozialistischem Sinne."

Missliebige Mitarbeiter und Politiker wurden auch in Celle "entfernt". So lautete die lapidare Antwort aus dem Rathaus, als das Reichsinnenministerium anfragte, ob etwa noch "jüdische Mischlinge oder jüdisch Versippte" im öffentlichen Dienst arbeiteten: "Fehlanzeige". OB Meyer wollte aus dem Nazi-Faible für Aufmärsche und Großveranstaltungen Kapital schlagen: Er ließ wahre Fahnen-Meere herstellen, um Celle zu einem Zentrum solcher "Events" zu machen - "möglichst " mit Erscheinen des Führers."

Der erschien nicht - wohl aber die Folgen von Hitlers verbrecherischer Politik. So musste die Stadt im Laufe des Krieges 100.000 Dachziegel "für Fliegerschäden" bevorraten. Die Stadt errichtete diverse Barackenlager für aus Osteuropa verschleppte Arbeitssklaven - so genannte "Ostarbeiter". Zum 650 Stadtgeburtstag im Jahr 1942 war den Cellern nicht zum Feiern zumute - unter anderem, weil man es vermeiden wollte, so einen alliierten Luftangriff "herauszufordern." Wegners Arbeit zeigt auch, wie schnell ab 1945 stramme Nazis daran gingen, einander auf falschen Angaben basierende "Persilscheine" auszustellen und nach so herbeigelogener "Entnazifizierung" weitermachten, als ob (fast) nichts geschehen sei.

Abgeschlossen sei die Inventarisierung noch lange nicht, sagt Stadtarchiv-Leiterein Sabine Maehnert: "Die alten Bestände zählen bis zur Nummer 35 - wir sind jetzt gerade bei 13." Durch Wegeners akribische Vorarbeit sei es nun für alle Geschichtsinteressierten - Profis wie Laien - einfacher, die NS-Zeit in Celle zu erforschen, freut sich Kulturdezernentin Susanne Schmitt. Professionelle Forschungsprojekte gebe es derzeit allerdings nicht. Michael Ende

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