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Celle Stadt Eine merkwürdige Liebe
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Eine merkwürdige Liebe
13:25 13.06.2010
Premiere im Celler Schlosstheater: Liliom. Hier: Gabriela Lindlova, Daniel Brockhaus, Oliver Jaksch. Quelle: Quast
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Ferenc Molnárs „Liliom“: ein höchst sonderbares Stück. Es hat etwas von Horváth, von Büchner und von den Gebrüdern Grimm. Es ist Sozialdrama, Volksstück, Märchen – „Tragödie und manchmal Komödie“, greift Regisseurin Ina-Kathrin Korff den Faden auf. „Und das alles wollen wir auch bedienen.“ Ob’s gelingt, wird man erstmals bei der Schlosstheater-Premiere am morgigen Freitag um 20 Uhr beurteilen können.

Liliom ist Ausrufer in einem Ringelspiel. Allerdings findet diese Tätigkeit bald nach dem Beginn der Handlung ein jähes Ende: Dafür sorgt ein Streit mit der Karussellbesitzerin, dessen Anlass das Dienstmädchen Julie ist. Mit ihr will Liliom nun ein neues Leben beginnen, das aber unter ungünstigen Vorzeichen steht. Das Geld ist knapp, dem Mann rutscht schon mal die Hand aus – dennoch steht Julie zu ihrem Gefährten. Liliom lässt sich schließlich zu einem Raubüberfall überreden, der prompt fürchterlich schief geht. Und in der Folge kommen himmlische Mächte ins Spiel, die hier nicht näher beschrieben werden sollen, damit gegebenenfalls der Überraschungseffekt gewahrt bleibt.

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Die Uraufführung des Stücks im Jahre 1909 war ein ziemlicher Flop, später sollte „Liliom“ sehr populär werden. Gerade in letzter Zeit ist es wieder recht häufig in den Spielplänen zu finden. Berühmt wurde Michael Thalheimers Inszenierung am Thalia Theater, nicht zuletzt durch einen Zwischenruf des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi, der bei der Premiere im Jahr 2000 seiner Empörung mit den Worten „Das ist doch ein anständiges Stück, das muss man doch nicht so spielen!“ Luft verschaffte.

Nun ist Thalheimer zum einen für seine radikalen Reduzierungen bekannt, zum anderen schreckt er vor Drastik nicht zurück. Superheftig wird es in Celle laut Ina-Kathrin Korff nicht zugehen, eingedampft hat sie allerdings auch, recht kräftig sogar: „Wenn man das komplett spielt, müsste es ja vier Stunden dauern. Bei uns sind es jetzt 110 Minuten ohne Pause.“ Gestrichen worden ist auch die eine oder andere Figur, mit 14 Akteuren ist die Inszenierung für Celler Verhältnisse allerdings immer noch üppig dimensioniert.

Die Bühne will die Regisseurin eher karg gestaltet wissen: „Praterseligkeit soll es jedenfalls nicht geben.“ Dass der Text in der Alfred-Polgar-Übersetzung deutlich von österreichischer Umgangssprache geprägt ist, wird ebensowenig geleugnet wie wohlfeil betont: „Man kann die Satzstellungen nicht umbauen. Aber für uns ist das eindeutig eine Kunstsprache.“ Daran muss sich auch Gastschauspieler Oliver Jaksch in der Titelrolle orientieren, obwohl er als gebürtiger Innsbrucker mit dem Idiom wohl keine Probleme hätte.

Was ist der Liliom eigentlich für eine Figur? Ist er gut, böse, beides? „Am ehesten wie ein großes Kind“, meint die Regisseurin, „das von der Welt keine Ahnung hat.“ Und auch letztlich nicht bekommt, weil er unfähig zur Selbstreflexion ist. „Das trifft auf alle Figuren in diesem Stück zu“, betont Korff, der erklärtermaßen die Position der Julie, gespielt von Gabriela Lindlova, ganz besonders im Herzen liegt: „Die darf nicht als das arme Hascherl erscheinen. Sie ist kein Opfer.“

Eine merkwürdige Liebe, ein merkwürdiger Stoff: „Man muss hier die Zwischentöne erwischen“, resümiert Ina-Kathrin Korff. „Darin liegt der Reiz. Und zugleich die Schwierigkeit.“

Von Jörg Worat