Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Stadt „In Celle gibt’s noch Geld“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „In Celle gibt’s noch Geld“
13:36 13.06.2010
Die Zeitzeugen von links: Günter Stachetzki, Dr. Wulf Haack, Dietmar Herbst, Reinhard Förster. Quelle: Stefan Kübler
Anzeige
Celle Stadt

Haack hatte 1989 die Ausgabe des Begrüßungsgeldes in seiner Hand. Aus den damals noch 28 Außenstellen der Stadtverwaltung zog er über 100 Mitarbeiter zusammen, die im alten Bürgerbüro, in dem heute die Buchhandlung Decius sitzt, 100 D-Mark an jeden Besucher ausgaben. „Eltern holten für ihre Kinder, Omas für ihre Enkel das Geld ab“, erzählte Haack. „Die Zahlen, die sie uns nannten, trugen wir in den Pass ein und stempelten ihn ab. Nur als eine Frau meinte, sie hätte sieben Kinder, mussten wir nachprüfen. Ansonsten haben wir unbürokratisch geholfen.“

„1989 hat die Stadt Celle über 1,1 Millionen D-Mark Begrüßungsgeld ausgegeben“, sagte Reinhard Förster, seinerzeit Hauptamtsleiter der Stadtverwaltung. „In den Jahren zuvor waren es maximal 30000 D-Mark. Das Besondere in Celle war, dass es hier einerseits mehr und andererseits das Besuchsgeld II gab. Wer ein zweites Mal kam, erhielt immer noch 40 D-Mark. Das war einmalig in Deutschland.“

Anzeige

Am 2. und 3. Dezember 1989 war der Ansturm in Celle besonders hoch. Kamen an den Wochenenden zuvor maximal 2500 Besucher in die Stadt, waren es an diesen Tagen 18000. Ein Grund dafür dürfte die Radiomeldung „In Celle gibt’s noch Geld“ gewesen sein. „Ich traf DDR-Bürger, die sagten, dass sie eigentlich nach Wolfsburg wollten, doch nach der Radiomeldung hätten sie sich umentschieden“, erinnerte sich Haack.

„Nach heutigen Maßstäben würde man das höhere Begrüßungsgeld als hervorragenden Marketingtrick bezeichnen“, sagte Günter Stachetzki, früherer Geschäftsführer der Firma Warg. „Viele damalige Besucher erinnern sich bis heute daran zurück und kommen regelmäßig wieder.“

An eine Situation in seinem Bekleidungsgeschäft erinnert er sich besonders. „Da stand ein Mann vor mir, der hatte sieben kleine Zettel in der Hand und zählte die Kleidergrößen seiner Familie auf. Ich sagte, sie sollten anprobieren was passt und gefällt und über den Preis reden wir hinterher. An die Situation, wirklich etwas kaufen zu können und dieses auch morgen noch kaufen zu können, und dass, wenn es nicht da ist, es bestellt werden kann, daran mussten die Menschen sich erst gewöhnen.“

Moderator des Abends Dietmar Herbst hob einen Brief des damaligen Oberbürgermeisters hervor, der zu Solidarität aufrief. „Diese Solidarität haben hier viele gespürt“, sagte er. „Woanders sind die Menschen nur abgewickelt worden, in Celle lud man sie zum Essen ein.“

Reinhard Förster: „Am 2. und 3. Dezember fuhren die Celler Stadtbusse zum halben Preis und die Innenstadt war für Autos gesperrt. Der ganze Schützenplatz vor voller Trabis. Es herrschte eine unglaubliche Atmosphäre.“ Fotos: Kübler

Günter Stachetzki: „Meine Devise war es, nicht einfach nur zu verkaufen, sondern auch gut zu beraten, denn so etwas kannten viele Besucher nicht. Da ich keine Rabatte geben durfte, behandelte ich die Kunden wie beim Personalkauf.“

Dr. Wulf Haack: „Ich saß im Herbst 1989 im Bürgerbüro und koordinierte die Ausgabe des Begrüßungsgeldes. Zuerst erhielten die Besucher einen Stempel, danach das Geld. Der Ansturm war enorm. Wir waren alle total überrascht.“

Von Stefan Kübler