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Celle Stadt Kämpfer gegen das Verschwinden: Robert Dämmig reißt Fassaden ein
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kämpfer gegen das Verschwinden: Robert Dämmig reißt Fassaden ein
13:18 13.06.2010
Fotograf Robert Dämmig vor „Raster I“ (Palast der Republik) Quelle: Aneka Schult
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Celle Stadt

Fotografien im Kunstverein Celle sind „in“. Zuletzt, 2007, stellte Damaris Odenbach aus. Nun rückt Robert Dämmig vom lebhaften Prenzlauer Berg den Wirklichkeitsblick der Besucher zurecht in der Ausstellung „Rock. City. Scape.“

Als Schwerpunkt der großformatigen Fotografien des studierten Musikers, Rock- und Jazzmusikers, der gebürtig aus Riesa kommt, lassen sich Fassaden und Innenräume ausmachen, Schutzhüllen, meist ohne direkte Konfrontation mit dem Menschen. Die motivischen Mittelpunkte, entblößten Räume, Fenstereinblicke und urbanen Details sprengen auch keine sozialkritischen Dimensionen. Erst auf den zweiten Blick mag man existentielle Fragestellungen erwägen. In erster Linie geht es Dämmig um das Entdecken und Fixieren optischer Reize, graphischer Wirkungen. Soziale Momente lesen sich in Arbeiten wie „Raster“ (Palast der Republik) leise ab. Dass in Dämmigs häufig partiturenhaften Reihungen konstruktivistische Töne anklingen, gibt der seit zehn Jahren als Fotograf arbeitende Künstler gern zu. Ihn inspirierten neben dem Konstruktivist Hermann Glockner aber auch Bauhauskünstler wie Thomas Scheibitz, Stefan Plenkers oder Frank Nitsche sowie seit der Wende Francis Bacon mit seinen verstörenden Bilder.

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Ganz entscheidend ist – hier geht der Fotograf und Musiker ganz malerisch an seine Werke heran –, dass durch Farbe, Lichtgestaltung, Ausschnitt und nachfolgende Bearbeitung ein Bild entsteht, dass Dämmigs Vorstellung entspricht. Dabei bevorzugt er das formende harte Licht, die Sonne schräg von der Seite, so dass der leichte Schlagschatten ein schönes Volumen baut. Dr. Klaus Wilde vom Kunstverein sah in seiner gedankenreichen Einführung gerade im Moment der Bildbearbeitung eine Parallele zu den Fotorealisten der 70er Jahre, die ihre Fotos mit Spritzpistole und Rasierklingen angingen.

Dämmig beschreibt seinen Werkprozess als Produktion. Ein Merkmal seiner Arbeit sei der Grad zwischen „to take und to make a picture“, die Differenz zur Wirklichkeit. So gehe es Dämmig nicht so sehr um Zeitzeugenschaft. Eher schafft er eine fotografische Essenz der reinen, ästhetischen Formen und autonomen Gegenwelten. Hegel zitierend verglich Wilde den Fotografen mit einem „tragischen Kämpfer gegen die Furie des Verschwindens.“ Das Gewesene, losgelöst von oder behaftet mit aller lokaler oder ideologischer Verortbarkeit, kann in Dämmigs Fotografien entsprechend dem eigenen Bewusstsein abgerufen werden.

-Öffnungszeiten: Die Ausstellung „Rock.City.Scape“ ist zu sehen bis zum 25. Oktober in der Gotischen Halle, dienstags bis sonntags 10 bis 13 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr.

Von Aneka Schult