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Celle Stadt Kind erhängt sich beinahe mit Schal – Notarzt nicht alarmiert
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kind erhängt sich beinahe mit Schal – Notarzt nicht alarmiert
18:27 25.06.2010
Von Oliver Gatz
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Celle Stadt

„Sie schwebte in Lebensgefahr“, erinnert sich die Mutter an das schreckliche Geschehen. „Dass meine Tochter wieder die Augen aufgemacht hat, ist ein Riesenglück.“ Am 4. März spielten sich in dem Waldorf-Kindergarten in Altencelle dramatische Szenen ab. Beim unbeaufsichtigten Klettern in einem Baum rutschte die Sechsjährige ab. Ihr Schal verfing sich im Geäst. Nirgendwo konnte sie sich abstützen. Immer enger zog sich der Schal um den Hals des Mädchens. Die Sechsjährige verlor die Besinnung. Eine Freundin versuchte zu helfen. Dies gelang ihr aber nicht. Schließlich riss der Schal. Das Kind stürzte zu Boden – und überlebte.

Über das Sekretariat des Kindergartens sei sie informiert worden, sie möge ihre Tochter abholen, blickt die Mutter zurück. Man habe ihr gesagt das Mädchen sei vom Baum gefallen, habe Flecken im Gesicht. „Ich habe Angst bekommen und bin sofort in den Kindergarten gefahren.“ Dort sei sie im Gruppenraum auf ihre Tochter und die Erzieherin der Gruppe gestoßen. „Meine Tochter hatte ein ganz aufgequollenes Gesicht und Einblutungen.“ Zudem habe man Strangulationsmale am Hals erkennen können. Sie habe gefragt, was vorgefallen sei, erzählt die 40-Jährige. Doch niemand habe etwas Konkretes sagen können.

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Die Mutter brachte ihre Tochter in die Notaufnahme ins AKH. Von dort aus ging es umgehend mit dem Rettungswagen und Blaulicht in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Dort wurde das Mädchen genau untersucht. Knapp eine Woche blieb sie in der MHH zur Beobachtung. Dann wurde sie entlassen. „Das EEG hat Veränderungen wegen des massiven Sauerstoffmagels aufgewiesen“, berichtet die Mutter.

Um mögliche spätere Schadensersatzansprüche geltend machen und den Vorfall umfassend aufklären zu können, nahm sich die Mutter eine Anwältin und erstattete Strafanzeige gegen die Erzieherin und die Verantwortlichen des Kindergartens. „Es war zu dem Zeitpunkt des Unfalls keine Aufsicht da“, wirft die Mutter dem Kindergarten vor. Ihr ist unbegreiflich, dass nicht sofort nach dem Unglück gehandelt wurde. „Man hätte einen Notarzt informieren müssen“, sagt sie. Die Celler Staatsanwaltschaft bestätigt Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung. Zum augenblicklichen Ermittlungsstand machte sie keine Angaben.

Nach vier Wochen wollte das Mädchen wieder zurück zu ihren Freunden in den Kindergarten. Trotz anfänglicher Bedenken kam die Mutter dem Wunsch des Mädchens nach – stieß aber wegen der Strafanzeige auf Widerstand im Kindergarten. Nach Vorlage eines ärztlichen Attests wurde die Sechsjährige schließlich vier Wochen lang in dem Kindergarten betreut. Doch dann kam die fristlose Kündigung. „Ich bin nicht mehr dagegen vorgegangen“, sagt die 40-Jährige. Nun betreut sie ihr Kind selbst. Nach den Ferien wird das Mädchen eingeschult.

In einer Stellungnahme äußert sich der Vorstand des Kindergartens zu dem Unfall: „Unmittelbar nach dem Sturz kümmerte sich eine Betreuungsperson um das schreiende Kind. Es stand von selbst auf und war zu jeder Zeit ansprechbar. Es konnte fehlerfrei alle gestellten Fragen beantworten.“ Die Mutter des Kindes sei umgehend verständigt worden. „Eine notärztliche Versorgung erschien zu diesem Zeitpunkt nicht notwendig.“ Auch von der Mutter sei zu keinem Zeitpunkt ein Notarzt verlangt worden.

Der Unfall sei vom Vorstand umgehend der Unfallbehörde mitgeteilt und ein umfassendes Protokoll angefertigt worden, heißt es weiter in dem Schreiben. „Nach einer Untersuchung durch das Kultusministeriums wurde festgestellt, dass den Erzieherinnen keine Verletzung der Aufsichtspflicht vorzuwerfen ist.“

Die Integration des Kindes sei durch das Verhalten der Mutter verhindert worden, so der Vorstand. Die 40-Jährige habe zudem das Erziehungskonzept in Frage gestellt, was die Mutter allerdings bestreitet. Aus diesem Grund sei der Betreuungsvertrag gekündigt worden. Außerdem sei die 40-Jährige bis kurz vor dem Unfall als Vorstandsmitglied für die Sicherheit im Kindergarten mitverantwortlich gewesen. Eine gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung der Außenanlagen sei entgegen der einzuhaltenden Fristen seit Jahren nicht durchgeführt worden.