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Celle Stadt Jubilarin musste zweimal Heimat aufgeben
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Jubilarin musste zweimal Heimat aufgeben
05:00 31.01.2020
 Marta Jantz feiert ihren 100. Geburtstag. Ihr ganzer Stolz war der von ihr angelegte Garten in Altencelle. Quelle: Vanessa Fillis
Celle

Geboren 1920 in Birkheide als Marta Meister, wuchs sie in Westpreußen auf, lernte in der Schule noch Polnisch. Bis auf ein Ungenügend in diesem Fach waren ihre Noten gut. „Ich war ein Kind, das viel schnell gelernt hat“, erinnert sie sich heute. „Mein Sohn sagt immer, ich hätte das Abitur mit links geschafft.“ Aber weil das für das Abitur nötige Geld fehlte, musste Marta Jantz stattdessen ihren Eltern auf dem Hof in der Landwirtschaft helfen. Sie machte eine Lehre bei der Deutschen Post, lernte ihren späteren Ehemann, den Schlosser Otto Jantz, kennen und heiratete ihn. 1943 bekam sie ihren ersten Sohn Harald. In Thorn betrieb sie bis zum Krieg ein kleines Postamt.

Durch Zweiten Weltkrieg geprägt

Schon früh wurde ihr Leben durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Mit gerade einmal 25 Jahren flüchtete sie aus Westpreußen. Weil ihr Mann sich in Kriegsgefangenschaft befand, machte sie sich allein auf den Weg – im Bombenhagel mit ihrem eineinhalb Jahre alten Sohn im Kinderwagen nach Berlin, wo sie nur wenige Wochen blieben. Von dort ging es weiter nach Gera. „Das war böse“, beschreibt sie das Erlebte.

Nachdem ihr Mann aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, kam er zu ihnen nach Thüringen. Gemeinsam bauten sie sich dort ein neues Leben auf. Sie hatten eine schöne Wohnung, einen Schrebergarten, nette Nachbarn. 1947 kam ihr zweiter Sohn Meinhard zur Welt – auf den Tag genau vier Jahre nach dem ersten Sohn.

Mit dem Pferdewagen nach Ahnsbeck

Nicht nur Marta Jantz flüchtete aus Westpreußen, auch ihre Eltern verließen die Heimat. Mit dem Pferdewagen fuhren sie nach Ahnsbeck. 1955 besuchte Familie Jantz die Eltern in Ahnsbeck – mit Bahn und Besuchsschein. „Bekannte redeten uns gut zu und sagten, wir sollten bleiben“, erinnert sich die Hochbetagte heute.

Sie hörten auf die Bekannten: Nur sie kehrte mit den Kindern in den Osten zurück, ihr Mann blieb in Ahnsbeck, suchte sich Arbeit. Ein gutes Vierteljahr waren sie getrennt, dann kehrte Jantz unter dem Vorwand, ihr Mann sei krank, zurück in den Westen. Sie ließen alles zurück: Freunde, Arbeit, Möbel. Wieder standen sie vor dem Nichts – starteten mit allem, was in einen Koffer passte, neu.

Mit dem Rad in die Hafenstraße

Eine Zeit lang blieben sie in Ahnsbeck. Von dort fuhr das heutige Geburtstagskind jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit in die Hafenstraße nach Celle. 1956 zogen sie in eine Flüchtlingswohnung in Altencelle, 1961 folgte das eigene Haus, das über die Jahre mit viel Eigenarbeit gebaut wurde: „Wir haben totale Schulden gemacht, aber alles wieder abgestottert.“

Einzige Frau unter 20 Männern

Ein Erlebnis, das besonders in Erinnerung bleibt? „Als ich durch die Arbeit in den Bundestag nach Bonn gekommen bin“, lautet die Antwort der Jubilarin. Als einzige Frau unter 20 Männern arbeitete Jantz bei Stahlrohrmöbel Schulz – und wurde deshalb von der Gewerkschaft zur Delegierten gewählt. Der Preis: eine Fahrt nach Bonn. „Der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard stand nur ein paar Schritte vor mir. Das war schon eine Persönlichkeit“, sagt sie ehrfürchtig.

„Ich bin ein Blumenmensch“

Seit fast acht Jahren lebt Jantz im Johanniterheim. Es ist aber nicht das erste Mal, dass sie dort ist. Schon 1967 hat sie für zehn Jahre als Beiköchin in der Küche des Heims gearbeitet. Ihr Mann war in der Zeit Hausmeister. Nach zehn Jahren sind sie in Rente gegangen und wieder in ihr selbst gebautes Häuschen in Altencelle gezogen – zurück zu ihrem geliebten Garten. „Ich bin ein Blumenmensch“, sagt sie über sich selbst.

Jahrelang hat sich Marta Jantz in ihrem Garten um über 27 farbenfrohe Rosenbüsche gekümmert, viel Arbeit in den Garten gesteckt. Heute wohnen andere Menschen in ihrem Haus. Den Garten haben diese beibehalten. „Wenn wir da vorbeifahren, macht es mich glücklich, den Garten zu sehen“, sagt sie lächelnd. Die Liebe zu den Blumen lebt die Hundertjährige heute noch aus. In ihrem Zimmer im Altenheim steht ein Wagen mit Blumen am Fenster, um die sie sich noch immer täglich kümmert. Auch Besuch bekommt sie regelmäßig von ihrer ganzen Familie, darunter vier Enkel und vier Urenkel.

Singen als große Leidenschaft

„Ich muss immer was zu tun haben“, meint sie zu ihrem noch immer aktiven Lebensstil, von dem andere in ihrem Alter nur träumen können. Im Heim spielt sie mit den anderen Bewohnern jeden Tag Rommee, liest Bücher und die Zeitung, ist nach wie vor politisch interessiert. „Ich möchte wissen, was in der Welt los ist“, erzählt sie. Schließlich hat sie selbst einen Krieg miterlebt, stand mehrmals vor dem Nichts.

Eine weitere Leidenschaft ist das Singen. Eigentlich wollte sie immer im Kirchenchor singen, Zeit gefunden hat sie dafür nie. „Vor lauter Arbeit hab ich es nicht geschafft“, bedauert sie. Umso mehr freut sie sich, wenn sie im Heim Geburtstagslieder singen kann. Heute aber werden die anderen für sie singen.

Von Vanessa Fillis

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