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Celle Stadt Mobbing trifft ältere Beschäftigte besonders hart
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Mobbing trifft ältere Beschäftigte besonders hart
17:33 13.10.2017
Von Dagny Siebke
Während die jüngere Generation in der digitalen Welt aufgewachsen ist, dauert es bei der älteren Generation bedeutend länger, wenn sie sich auf neue Computerprogramme einstellen muss. Quelle: Oliver Berg
Celle Stadt

Zwei Stunden lang hat Geßler mit den anderen Mitarbeitern gefrühstückt, geredet und gelacht. "Als die Kollegin den Raum betrat, hat sich keiner mehr getraut, mich anzusprechen", erzählt die Cellerin. Vermutlich waren die Mitarbeiter nur froh, dass der Giftzwerg sie gerade nicht "auf dem Kieker" hatte. Mobbing am Arbeitsplatz ist gerade dann besonders problematisch, wenn die Betroffenen älter als 50 Jahre alt sind, bestätigt Sabine Kellner, Leiterin der Sozialberatung beim SoVD, Hannoversche Straße 57a. "Sie finden nicht so schnell einen neuen Job wie mit Mitte 30", so Kellner.

"Musst du schon wieder essen?", hieß es, wenn sich Geßler Karotten zurechtschnippelte. Einmal ist "plötzlich" das Bild ihres Mannes vom Schreibtisch gekippt oder es sind Verträge "verschwunden". Die fiese Kollegin war am längsten da und "wegen der guten Quote" beim Chef hoch angesehen. Vier Jahre lang versuchte Geßler durchzuhalten, doch irgendwann konnte sie nicht mehr. Am letzten Tag im Callcenter baute sie sich mit ihren 1,80 Meter vor der einen Kopf kleineren Kollegin auf, redete Tacheles und ging. Eine Woche lang verbrachte sie im Bett und konnte nichts essen. Sechs Wochen lang war sie bei der Reha und hatte täglich drei Termine beim Psychologen. Heute noch leidet sie unter Schlafapnoe und Albträumen.

Jeden Tag hört sich Sabine Kellner in Beratungsgesprächen an, wie groß der Druck in der Arbeitswelt ist. "Psychische Leiden sind immer noch ein Tabuthema", betont sie. "Aus Erfahrung weiß ich, dass es jeden treffen kann." Sie unterstützt SoVD-Mitglieder dabei, eine Reha oder einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen und berät auch zum Thema Gleichstellung. Denn, wer zu 30 bis 40 Prozent schwerbehindert ist und älter als 50 Jahre alt ist, hat besonderen Kündigungsschutz.

Diesen möchte Ute Wollbrecht (Name geändert) erreichen. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie in einem handwerklichen Betrieb, seit 2014 wird sie von ihrem Chef "gemobbt". Die 59-Jährige erzählt: "Er sucht, sucht und sucht nach Fehlern. Er lässt mich häufig Arbeit machen, die ich überhaupt nicht will." Der Chef habe Wollbrecht ins Büro geschickt, obwohl sie nicht die Schnellste am PC sei. In ihrer Freizeit solle sie Kurse besuchen und müsse diese aus der eigenen Tasche bezahlen. Kollegen dürften ihr nicht bei der Büro-Arbeit helfen, einen Betriebsrat gebe es nicht. "Ich saß da wie ein Häufchen Elend", sagt sie.

Ihre Ärztin half Wollbrecht, schrieb sie wochenlang krank und beantragte eine Reha, um die "Arbeitskraft zu erhalten." Sie betont: "Nur drei, vier Jahre muss ich noch bis zur Rente durchhalten, doch das fällt mir total schwer." Jetzt hatte sie gerade Urlaub und fühlt sich topfit. "Doch wenn ich an Arbeit denke, kommen Schwindel, Kopfschmerzen und Schlafstörungen schnell zurück."