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Celle Stadt Neue Wahrnehmungsspiele: Wand als künstlerischer Komplize
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Neue Wahrnehmungsspiele: Wand als künstlerischer Komplize
16:28 15.06.2010
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Sie treiben es bunt, nutzen uns förmlich aus, unsere Einfalt, dreidimensional denken zu wollen, die Werke des Malers Lienhard von Monkiewitsch, die seit Sonntag im Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon zu sehen sind. Ein Zeitsprung von der Moderne in die Gegenwart ist die neue Doppelausstellung, die neben Monkiewitschs „Sein & Schein“ die Kabinett-Ausstellung „Ausdruck der Moderne“, exquisite Grafiken der Kunst-Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts aus der Sammlung der Städtischen Galerie Delmenhorst zeigt.

Vom Foyer des Kunstmuseums bis in die erste Etage pokert Monkiewitsch, Jahrgang 1941, wuchtig mit „Wahr- und Unwahrheiten“. In seiner jüngsten Werkgruppe erweitert er seine zentralen künstlerischen Schlüsselthemen Raum, Form und Fläche um neue „Wahrnehmungsspiele“. Erzeugte der Maler anfänglich sensible Darstellungen von Innenräumen mithilfe klassischer Perspektive, löste sein einjähriger Aufenthalt als Stipendiat der Villa Massimo in Rom 1979/1980 eine Überführung des Bildes in den tatsächlichen Raum aus. Im Foyer des Kunstmuseums steht die monumentale Arbeit „Neapel“ von 1980 exemplarisch für diese Phase. Bereits hier arbeitet Monkiewitsch mit ungewöhnlichen Formen des Bildträgers, wie er es in seiner jüngsten Werkserie wieder tut, und macht die Wand selbst zum Komplizen im Raumaufbau. In den 80er Jahren erforschte der Maler die räumliche Qualität im Bild durch das Verhältnis von Form, Fläche und Farbe. Er experimentierte mit Kompositionsprinzipien, bezog den Zufall mit ein und konstruierte Bilder nach mathematischen Systemen, so anhand der Fibonacci-Zahlenreihe. Die Farbe Schwarz ist seit langem sein leidenschaftlichstes Instrument – zum Spielen mit Wahrnehmung und Suggestion. So fordert der Matador des Quadrats in seinen kühlen Abstraktionen die Ikone der Moderne, Malewitsch, heraus auf der Suche nach dem „schwärzesten Schwarz“. Volontärin Martina Löhle sprach zur Eröffnung mit dem Maler über die unendliche Tiefe des „Schwarz“, über plastische Vexierspiele, den Betrachter als Co-Autor und die Ambivalenz zwischen Sein und Schein. Materialien führen das menschliche Auge an der Nase herum. Wo Sehgewohnheiten versagen, tastet sich der Geist heran. Monkiewitsch selbst zoomt sich über Skizzen in verwegene Größen, mittels Landkarten zum Bild. „Spielplatz der Möglichkeiten“ nennt Löhle die Ausstellung, deren Werke den Betrachter zur Teilnahme stimulieren. Eine Standortbestimmung zwischen Konzentration und Wimpernschlag. Mal ist sie da, die Form. Die Wahrheit. Mal wieder nicht. Und die Wände spielen schelmisch mit.

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Öffnungszeiten: Die Ausstellungen „Ausdruck der Moderne“ und „Sein & Schein“ sind zu sehen bis 3. Oktober im Kunstmuseum Celle, Schlossplatz 7, dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr.

Von Aneka Schult