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Celle Stadt Buch über den „kleinen“ Soldaten
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Buch über den „kleinen“ Soldaten
17:29 18.03.2019
Von Andreas Babel
Die freie Mitarbeiterin der CZ, Mara-Ann Meeuw (rechts), fotografiert den Celler Autor Bodo Uibel. Die Buchpremiere von "Celle - Stalingrad und zurück" fand am Donnerstag,  in der Celler Stadtbibliothek vor knapp 60 Zuhörern statt. Die Lesung wurde per Kamera (links) aufgezeichnet und wird bei Youtube zu sehen sein. Quelle: Andreas Babel
Celle

Das Team der Celler Stadtbibliothek war von dem Ansturm überrascht, als Bodo Uibel sein neues Buch „Celle – Stalingrad und zurück“ vorstellte. Knapp 60 interessierte Zuhörer, viele von ihnen Kriegs- und Nachkriegskinder, wollten hören, wie der 78-Jährige kompetent und prägnant einige Schlüsselszenen aus seinem Buch mit Moderationen verband.

Premierenlesung im Rahmen von "Celle liest"

Im Rahmen der Reihe „Celle liest“ rissen die Celler Uibels Verleger Helmut Block die 11,90 Euro teuren Taschenbücher quasi aus der Hand. Zuvor hatte der Autor eindrucksvoll und zum Teil bedrückend vorgelesen, wie sein Protagonist Hermann Otte Krieg, Gefangenschaften, Flucht und Heimkehr erlebt. Über sein Schicksal hat der hochbetagt erst vor wenigen Jahren gestorbene Bauer auch im Familienkreis selten gesprochen. Alpträume plagten den Celler bis ins hohe Alter. Seine Witwe und seine Tochter waren bei der Premierenlesung zugegen. Bodo Uibel hat dem kleinen Soldaten der Wehrmacht eine Stimme verliehen – eine subjektive Tatsachenerzählung, die der Autor aber immer wieder in den Gesamtzusammenhang einbindet.

Mutter des Verlegers wird traurig bei Lektüre

Hermann Otte - diesen Namen hat Uibel erfunden, um den Celler Landwirt und seine Familie zu schützen - hat acht Jahre seines 1920 begonnenen Lebens durch Krieg und Gefangenschaft verloren. Und er hatte sogar noch Glück, dass er heimkehrte. Verleger Block verriet zur Einführung, dass er das Buch zunächst seiner über 90-jährigen Mutter zu lesen gegeben hat. Und sie habe es "mit Gewinn gelesen", sei dabei aber auch sehr traurig geworden. Denn viele aus ihrem Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis hätten den Hinweg nach Stalingrad auch so wie der Erzähler erlebt, aber "den Rückweg, wie wir ihn hier im Buch haben, nicht mehr geschafft", so Block.

Erzählung beruht auf authentischen Erlebnissen

Uibel hob zu Beginn seiner Lesung hervor, dass sein Buch eine Erzählung sei, die auf authentischen Erlebnissen beruht. Der Erzähler stammte aus einem Dorf im heutigen Celler Stadtgebiet und hier von einem Hof, dessen Geschichte man bis ins Jahr 1432 zurückverfolgen kann.

Buchautor Bodo Uibel (links) im Gespräch mit CZ-Redakteur Andreas Babel. Quelle: Mara-Anne Meeuw

Wache im Schnee bei minus 49 Grad Celsius

Die erste Szene, die Uibel vorlas, schildert eine Wache, die er bei minus 49 Grad Celsius im Schnee schieben muss. Der Schnee lag höher, als der Stiefelschaft war, und der Schnee rieselte hinein, schmolz unten und verband sich mit dem Fußschweiß, der nach längerem Stehen in der Eiseskälte gefror. Man muss Otte schließlich den Stiefel vom Fuß schneiden. Man wollte seine Zehen amputieren, aber dagegen wehrte er sich erfolgreich.

Otte schiebt Wache beim Massaker von Babi Jar

In der nächsten Szene schildert Otte, wie die SS über 30.000 Juden im Tal von Babi Jar in der Nähe von Kiew erschossen hat. "Wir als Wehrmacht halfen dabei mit, indem wir das Gelände sicherten", liest Uibel vor. Am 29. und 30. September 1941 geschah dort vor Ottes Ohren das größte Einzelmassaker in der Geschichte des Holocaust. "Ich höre noch heute die Schreie. Nach zwei Tagen war dieses Unternehmen beendet", so Otte. Bis dahin hatte Otte geglaubt, dass einzelne Tötungen Vergeltungsmaßnahmen seien, jetzt merkte er aber, dass es den Machthabern um ein systematisches Töten von Juden ging.

Otte sollte einen älteren Juden erschießen

In einer anderer Szene wurde Otte befohlen, einen älteren Juden dabei zu bewachen, wie dieser sein eigenes Grab schaufelt. Er sollte ihn erschießen, sobald sein Grab tief genug ausgehoben sei. Doch das konnte Otte nicht, er begann zu zittern, ein SS-Offizier herrschte ihn an, er solle sich beherrschen, dieser Mann sei doch "kein richtiger Mensch", sondern "nur ein Jude", erinnerte sich der alte Landwirt. Der SS-Mann entriss ihm die Waffe und erschoss den Juden eigenhändig. Otte wurde als für solche Aufgaben untauglich in seine Kompanie zurückgeschickt. "Sein gutes Herz hinterließ ihm einen lebendigen Alptraum", heißt es in Uibels Buch.

Der Celler Autor Bodo Uibel liest aus seinem neuen Buch. Die Buchpremiere von "Celle - Stalingrad und zurück" fand am Donnerstag in der Celler Stadtbibliothek vor knapp 60 Zuhörern statt. Quelle: Mara-Ann Meeuw

Otte lernt 18-jährige Valentina kennen

Im Winter 1943/1944 hatte Otte eine Brücke zu bewachen. In einem angrenzenden Haus lebte eine 18-Jährige, mit der sie auf Deutsch ins Gespräch kamen. Die junge Frau hieß Valentina und die beiden waren sich sympathisch. Sie sprach Deutsch, weil sie in einer Aluminium-Fabrik in Aachen gearbeitet hatte. Als Feldjäger arbeitsfähige Russen suchten, die sie als Zwangsarbeiter abführen wollten, versteckte Otte den Sohn des Hauses im Schornstein.

100 Mann in Waggons eingepfercht

Und dann kam die Gefangenschaft: Mehr als drei Wochen lang wurden die gefangenen deutschen Soldaten in halbhohen Waggons zu je 100 Mann eingepfercht und Hunderte Kilometer in Richtung Kaukasus verfrachtet. Die Waggons hatten eine Abdeckung, so dass niemand aufrecht stehen konnte, und es gab nur ein Loch im Boden, durch das alle Gefangenen während der Fahrt ihr Geschäft verrichten mussten. Einige hatten die Ruhr und wollten das Loch gar nicht mehr verlassen. Sie wurden mit Gewalt von dort entfernt, wenn andere ihr Geschäft verrichten mussten. Sie ließen es dann in ihre Hosen laufen. Es stank bestialisch in diesen Waggons. Wenn ein Mann gestorben war, legten die Männer ihn an die Seite. "Beim nächsten Halt durften wir ihn hinauswerfen."

Stundenlang in eiskaltem Wasser gearbeitet

In der Gefangenschaft mussten die ehemaligen deutschen Soldaten stundenlang in tiefen Wasser eines eiskalten Flusses und mussten dort Steine für den Straßenbau bergen. Außerdem mussten sie lange Stämme acht Kilometer weit schleppen: eine Tortur für die ausgemergelten Männer.

Kein Durchkommen durch die kaukasischen Berge

Und dann dachte Otte an die Flucht. Zunächst mit einigen Kameraden gelang sie auch, dann ging es alleine weiter, doch durch die kaukasischen Berge war kein Durchkommen. Jede Schlucht war eine Sackgasse, die in einem Kessel endete. Drei Tage lang versuchte er so sein Glück. Er musste jedes Mal wieder umkehren.

"Zigeuner werden nicht kontrolliert"

Schließlich wanderte Otte immer entlang von Bahnstrecken nach Norden. So kam er etwa 600 Kilometer voran, ehe er auf dem Bahnhof von Tichorek landete. Dort kam er nur durch eine Ausweiskontrolle, weil er sich in einer Gruppe "Zigeuner" hindurchschmuggelte, denn diese sagten ihm: "Zigeuner werden nicht kontrolliert". Die Sinti und Roma nahmen ihn mit in ihr Lager und gaben ihm einige Tage ein Nachtlager und Speis und Trank.

Die Lesung fand in der Stadtbibliothek statt. Quelle: Anna-Maria Kramer

Ein Wiedersehen mit Valentina

Am Güterbahnhof von Pokrowsk traf er Valentina wieder. Sie brachte ihm jeden zweiten Tag Essen, das sie unter einem Brett versteckte. Das ging vier Wochen lang gut. Doch jemandem fiel auf, dass er manchmal anderes Brot hatte als die anderen, und so wurde Otte verlegt, und er sah Valentina nie wieder.

Versuche auf der Krankenstation

Wieder in Gefangenschaft kam Otte in eine Krankenstation, an der nach seinen Angaben sieben jüdische Ärztinnen arbeiteten, eine ältere, die die sechs jüngeren anleitete. Und diese Medizinerinnen machten Versuche, unter anderem auch an Otte. Einige "Versuchskaninchen", als solche bezeichnete sie Otte, starben. Als er die Leiterin der Station fragte, ob sie ihn umbringen wolle, sagte sie ihm: "Was die Deutschen mit uns gemacht haben, das machen wir jetzt mit euch." Wie er das überleben konnte, wusste Otte nicht.

Die Schwächsten werden heimgeschickt

Die schwächsten der deutschen Gefangenen wurden von der jüdischen Kommandantin des Kiewer Hauptlagers aussortiert und zurück nach Deutschland geschickt. Die Männer mussten mit freiem Oberkörper an ihr vorbeimarschieren und sie schrieb eine der drei Ziffern 1, 2 oder 3 auf den Rücken derjenigen, die ihr zu schwach für eine weitere Zwangsarbeit vorkamen. Otte bekam eine Drei auf den Rücken und durfte heimkehren.

Stiefbruder erkennt den Heimkehrer nicht

Über Unterlüß und Uelzen gelangte er schließlich zum Celler Bahnhof. Die letzten Kilometer zu seinem Ort ging er zu Fuß. Am Dorfeingang traf er die Großmutter eines alten Freundes. Sie erkannte ihn nicht. Erst als er ihr seinen Namen sagte, fiel es ihr wieder ein. Sie sagte ihm, dass niemand mehr mit ihm rechnet. Dann stand er auf seinem Hof, alles sah gepflegt aus, alles in Ordnung. Er läutete. Sein Stiefbruder öffnete, erkannte aber in dem unrasierten, abgemagerten Mann seinen Bruder nicht. Die Mutter schloss ihren Sohn in die Arme, er war wieder daheim.

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