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Celle Stadt Rasant und schräg
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Rasant und schräg
14:13 13.06.2010
Kabarett "Mannheimer Urknall" Quelle: Aneka Schult
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Celle Stadt

Neunundzwanzigeinhalb Jahre sind sie her, die Jugendträume, die Rosinen der Schülerband „Aufstrebende Reinigungskräfte“, die einst die Aula rockte. Ein Tag vor dem Klassentreffen bei Erwin trifft sich das Trio – Richie, der vierte Mann lässt auf sich warten und sagt kurz vor Ende des Stücks ab – zu einer Revival-Probe. Auf Erwins Party soll es noch einmal Hits von damals spielen. Doch statt zu proben prahlt man sich gegenseitig die Taschen voll, eigene Lebensläufe werden frisiert, fremde Lebenslügen belächelt. Zueinander findet man dennoch, über nostalgische Szenen.

Den Trend, verklärt zurückzuschauen und zerplatzte Träume auf die Schippe zu nehmen, gibt es momentan häufiger in der Kabarettlandschaft. Erst neulich gastierte der ähnlich besetzte, ähnlich agierende Hamburger Spottverein in Winsen.

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Mit dadaistischem Sprach- und Wortwitz sowie originellen Musiknummern amüsierten Madeleine Sauveur, Volker Heymann und Clemens Maria Kitschen am Piano das Publikum und verwirrten es zugleich. Die rasanten Themensprünge und wortspielerischen Ballwechsel beeindruckten zwar durch ihre Geschwindigkeit, trugen aber teilweise zu seichten Inhalt mit sich. Musikalisch kannte das Trio kein Halten. Kleine Sticheleien und Debatten wurden fix zu Hip-Hop-Parts oder Jazz-Impros umfunktioniert. Sehr einfühlsam und gut gespielt waren die Rückblicke von Sauveur und Heymann in die Schul- und Kindertage. Der am Ende endlich in seiner Gänze geprobte Song vom Pflasterstein verlieh dem Programm rückwirkend ein sensibles Gewicht. Spätestens da hätte man sich gewünscht, mehr Gesang, unexotische Musikeinlagen zu hören. Zwar ließ sich eine gewisse stilistische Bandbreite auch so erkennen, doch kamen feinere harmonische Nuancen kaum zum Tragen. Eher war es schrill, schräg. Nun gut: die gewitzt gespiegelte Studenten-Nummer war dahingehend konsequent, dass mit der Joint-Relax-Mentalität schon damals keine Kracher zu landen waren. Der Weg als Ziel aber besaß Stärken: spontaner Sprechgesang, Sauveur als wandlungsfähiges, selbstironisches Energiebündel, das mit ökonomischer Knappheit Pointen setzt, Heymann als Korinthen kackender Komiker und ein entspanntes Klavier. Die Gäste in der ausverkauften Kunst & Bühne jedenfalls applaudierten.

Von Aneka Schult