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Celle Stadt Robby lässt sich nicht stressen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Robby lässt sich nicht stressen
09:58 10.09.2018
Von Dagny Siebke
Tierärztin Alexandra Dörnath ist auf die Idee gekommen, Robbys Cortisolkonzentration beim Deutschen Primatenzentrum messen zu lassen. Zirkusdirektor Klaus Köhler war bei der Entnahme der Speichelproben dabei. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Lüneburg

Ob Deutschlands letzter Menschenaffe im Zirkus seinen Lebensabend bei seinem Ziehvater Klaus Köhler oder unter Artgenossen verbringen soll, entscheidet das Oberverwaltungsgericht Lüneburg am 8. November. Bereits zwei Monate vor der Verhandlung rüsten sich die Tierrechtler um Peta und Circus Belly mit Argumenten.

Die Bremer Tierärztin Alexandra Dörnath ist nicht als Zeugin geladen, doch will sie Klaus Köhlers Anwalt unterstützen und ihm "schriftlich soufflieren", wie sie sagt. Schimpanse Robby hat das Herz der Expertin für Exoten gewonnen. Die 47-Jährige verbringt viel Zeit mit ihm in seinem Zirkuswagen. Dörnath erzählt: "Ich habe Robby inzwischen 63 Tage und zwei Nächte lang auf 18 Plätzen beobachtet und ihn bei sieben Platzwechseln begleitet." Erst sorgte sie für Abwechslung und brachte Robby das Malen bei, dann reichte sie ihm Xylofon und Keyboard – doch die Musikinstrumente ließ er links liegen.

Ende August besuchte Alexandra Dörnath Robby zusammen mit einer Amtstierärztin. Mit der Hilfe von Klaus Köhler entnahmen sie dem Schimpansen im Tagesverlauf vier Speichelproben. Die Tampons schickten sie an das Hormonlabor des Deutschen Primatenzentrums. Dort wurden Robbys Cortisolwerte untersucht, um die Aktivität der Nebennierenrinde zu erfassen. Diese geben Hinweise darauf, ob der Affe unter Stress leidet.

Das Ergebnis: "Obwohl die Stichprobe an Proben/Tagen sehr klein ist, deuten die Daten auf eine normal funktionierende Nebennierenrinden-Aktivität hin, mit Cortisolwerten, die im Normalbereich für Schimpansen liegen", schreibt Michael Heistermann, Leiter des Hormonlabors. Der Biologe übersetzt: "Robby hat keinen chronischen Stress." Heistermann vermutet, dass die Werte an anderen Tagen nicht anders aussehen würden.

Alexandra Dörnath erläutert dazu: "Wenn Robby psychisch leiden würde, depressiv wäre oder Schmerzen haben würde, sähen seine Werte ganz fürchterlich aus." Die Tierärztin hat sich auch während der Fahrt von einem Auftrittsort zum anderen in den Zirkuswagen gesetzt und den Schimpansen ganz entspannt erlebt. "Wenn der Wagen losfährt, setzt sich Robby ans Fenster, schaut nach draußen und isst eine Banane", so Dörnath. Sie ärgert sich nun, dass sie nicht schon vor einem Jahr auf die Idee gekommen ist, Robbys Stresshormone zu untersuchen.

Das Veterinäramt vom Landkreis Celle, dass den Streit vor Gericht ins Rollen brachte, äußert sich nicht zu den Messungen. Landkreissprecher Tore Harmening sagt: "Ein solches Verfahren können wir nicht kommentieren, da es einer Ferndiagnose gleichkäme und wir zu den Umständen nichts sagen können." Das Verwaltungsgericht Lüneburg habe die Sichtweise des Landkreises bestätigt. Zwar sei der Schimpanse unstreitig in guter körperlicher Verfassung, ihm fehle jedoch die Interaktion mit anderen Affen. Der Landkreis glaubt, dass die Resozialisierung von Robby in einer speziellen Tierhaltungseinrichtung trotz des langjährigen Aufenthalts im Zirkus und trotz des fortgeschrittenen Alters des Affen gelingen kann.

Peta kündigt an, eine Biologin und einen Justiziar als Beobachter zum Gerichtsverfahren zu schicken. Die Tierrechtsorganisation sagt: "Schimpansen sind hochsoziale Tiere, die für ein erfülltes Leben den Kontakt zu Artgenossen benötigen." Menschen seien keine adäquaten Sozialpartner für einen Menschenaffen. Laut den Mindestanforderungen des Bundesagrarministeriums für eine artgerechte Schimpansenhaltung müsste Robby ein mindestens 400 Quadratmeter großes, reich strukturiertes Gehege zur Verfügung stehen.