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Celle Stadt So kamen die Bomben nach Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt So kamen die Bomben nach Celle
13:25 13.06.2010
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Celle Stadt

Am 8. April 1945, einem warmen Frühlings-Sonntag, waren die Celler Straßen belebter als an manchem Werktag. Schlangen hatten sich vor den Läden in der Stadt gebildet, denn an diesem Tag wurden noch vorhandene Nahrungs- und Genussmittel aus den an der Alten Grenze lagernden Wehrmachts-Vorräten an die Bevölkerung verteilt, damit diese nicht in die Hände der Alliierten fielen. Als am späten Nachmittag die Luftsirenen losheulten, waren viele Menschen noch unterwegs – und mussten sich in einen der wenigen ausgebauten Schutzräume oder Keller flüchten.

Gegen 18 Uhr näherten sich der Stadt drei komplette Bombergeschwader der 9. US-Luftflotte. Ihr Ziel: Der Celler Güterbahnhof. Der Angriff, der sich über 50 Minuten erstreckte, erfolgte in drei Wellen. Den Anfang machten 52 Maschinen der 322. Bombergruppe. Sie warfen innerhalb von drei Minuten 94 Tonnen Sprengstoff ab. Das Gaswerk, die Bahnunterführung und der vordere Teil eines KZ-Häftlingszuges, der am Bahnhof stand, erhielten dabei entscheidende Treffer. Zwischen 200 und 500 Häftlinge sowie eine ungeklärte Zahl an Zivilpersonen und Soldaten kamen bei dem Angriff ums Leben. Insgesamt wurden rund 240 Tonnen Sprengbomben über dem Güterbahnhof abgeworfen.

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Nicht nur der Luftangriff bleibt unvergessen: Der 8. April 1945 bezeichnet auch das schwärzeste Kapitel in der Celler Geschichte. Nach der Bombadierung flüchteten sich die überlebenden KZ-Häftlinge in Schrebergärten, Wohnhäuser und ins Neustädter Holz. Dort wurden sie von Militär, Polizei und auch von Celler Bürgern im so genannte „Celler Massaker“ – zynisch auch als „Hasenjagd“ bezeichnet – zusammen getrieben, erschlagen oder erschossen.

Großer Lärm:

„Die Erde hat gebebt“

CELLE (mab). „Ich war neun Jahre alt, als die Bomben über Celle abgeworfen wurden“, erinnert sich Kurt Krappe aus Celle. „Damals haben wir in der Teichmühlenstraße in Klein Hehlen gewohnt. Von dort aus habe ich die Flugzeuge gesehen. Man konnte sogar erkennen, wie die Bomben ausgeklinkt wurden.“

In Sicherheit konnte sich die Familie nicht bringen. „Wir hatten ja keinen Luftschutzkeller“, erklärt Krappe, dem der Lärm des Angriffs noch gut in Erinnerung geblieben ist: „Das hat ganz schön gescheppert. Die Erde hat förmlich gebebt.“

Erst nach dem Angriff konnte sich die Familie ein Bild der Verwüstung machen. „Als alles vorbei war, liefen wir zum Güterbahnhof“, erzählt Krappe. „Da brannte es noch teilweise. Viele Menschen waren verschüttet. Es ging drunter und drüber zu.“ Der Bombenfund auf dem Itag-Gelände ruft bei Krappe Erinnerungen wach: „Ein komisches Gefühl war das schon. Da habe ich wieder an den Güterbahnhof gedacht.“

Ort der letzten Ruhe unbekannt:

Häftlingsleichen in Bombenkratern vermutet

CELLE (mab). Bei dem Luftangriff der Alliierten am 8. April 1945 fielen in Celle neben vielen Zivilpersonen und Soldaten auch etliche Insassen des am Güterbahnhof abgestellten KZ-Häftlingstransports den US-Bomben zum Opfer. Ihre Zahl wird nach neuesten Erkenntnissen auf 200 bis 500 geschätzt – der Verbleib der Bombentoten lässt sich allerdings bis heute nicht restlos klären.

„Da sich auf dem Waldfriedhof nur 27 Gräber mit Angriffsopfern nachweisen lassen, ist auf jeden Fall davon auszugehen, dass sich in den zugeschütteten Bombenkratern – und damit unter den Bahngleisen – noch Leichen und Leichenteile von Häftlingen befinden“, schreibt der Historiker Bernhard Strebel in seiner aktuellen, von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten in Auftrag gegebenen Studie mit dem Titel „Celle April 1945 revisted“.

Sowohl der Stiftung als auch der Stadt Celle war es ein wichtiges Anliegen, durch die Studie die Frage nach Leichen im Bahnhofsbereich zu klären. Insbesondere deshalb, weil bis dato von mehreren tausend Toten unter den Gleisen berichtet worden war. „Diese Zahl wurde erheblich nach unten korrigiert“, erklärt Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten. „Wenn man auch die nach dem Angriff erschossenen Häftlinge berücksichtigt, gehen wir von 500 bis 800 Toten aus.“

Angaben darüber, wo ein Großteil der Leichen begraben liegt, liefert die Studie allerdings nicht. „Das Ergebnis lässt uns natürlich unbefriedigt“, so Knoch. „Aber die Studie ist sehr gründlich und bietet uns die Möglichkeit, die gewonnenen Erkenntnisse in würdiger und respektvoller Form öffentlich zu machen.“

Man denke hier beispielsweise an eine Ausstellung, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. „Wir stehen diesbezüglich bereits in engem Kontakt mit der Stadt“, sagt Knoch, der aber auch betont: „Es liegen nach unserem Wissen keine Leichen an oder unmittelbar unter den Schienen, höchstens in der näheren Umgebung.“

Für Knoch liegt auch in der Ruhe eine Form des Respekts – und damit im „nicht ziellosen Graben nach Opfern“. Knoch weiter: „Würde man jetzt allerdings Leichen finden, dann muss dies in jedem Fall eine würdige Form der Bestattung nach sich ziehen.“

„Sollten im Bereich des Güterbahnhofs von Celle künftig Leichen oder Leichenteile gefunden werden, ist die Polizei grundsätzlich dazu verpflichtet, ein Todesermittlungsverfahren einzuleiten“, so Christian Riebandt, Sprecher der Celler Polizei. „Sollte es zum Fund einer Leiche kommen, würden Kriminaltechniker der Polizeiinspektion Celle die Überreste der Leiche sichern.“

Als letztes Glied in der Kette übernehmen in diesem Fall die Mitarbeiter Axel Riegers, Fachdienstleiter Friedhöfe bei der Stadt, die Bestattung der Gebeine. „Im Bereich der Biermannstraße wurden beim Neubau der Borsigstraße Leichenteile gefunden“, erinnert sich Rieger. „Wir stellen in diesem Fall die Gebeinskisten und kümmern uns um die Beisetzung. Die Opfer sollen den Platz der letzten Ruhe auf einem gewidmeten Bereich in würdiger Form finden.“ Der dafür vorgesehene Ort ist der Celler Waldfriedhof.

Die Identifizierung der Häftlingsleichen dürfte sich allerdings als nahezu unmöglich erweisen. „Soldaten kann man über die Erkennungsmarken identifizieren“, sagt Rieger. „Bei den Häftlingen, die sich auf dem Transport befanden und bereits in mehreren Lagern Station gemacht hatten, sollte dies nicht mehr möglich sein“, so Habbo Knoch.

Nach dem Luftangriff auf den Celler Güterbahnhof am 8. April 1945 bot sich den Überlebenden ein Bild der Verwüstung. Unter den Opfern der US-Bomben waren auch zwischen 200 und 500 KZ-Häftlinge. Viele der Leichen wurden bis heute nicht gefunden.

Von Birte March