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Celle Stadt Sommernacht am Golf von Neapel: Vivaldis nostalgisches Venedig
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Sommernacht am Golf von Neapel: Vivaldis nostalgisches Venedig
15:24 21.06.2010
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Die Enttäuschung der Betroffenen war deutlich spürbar: Das Konzert des aus Anlass des Tages der Niedersachsen in Celle gastierenden Niedersächsischen Zupforchesters unter der Leitung von Karin Goedecke war an die Peripherie verlegt worden, weil es im Bühnenprogramm keinen Platz mehr gefunden hatte. Doch das hatte für die Zuhörer auch seine guten Seiten: Es war eine Wohltat, einmal dem bisweilen ohrenbetäubenden Lärm der bis zum Anschlag aufgedrehten Bässe und elektronischen Verstärker in der Altstadt zu entfliehen und sich in der Blumläger Kirche dem Genuss ursprünglicher und unverfälschter Musik hingeben zu können.

Das durch Cembalo und Blockflöte erweiterte Zupforchester bot ein barock geprägtes Programm, das mit Schwierigkeiten nicht sparte und Stücke unterhaltsamen, symphonischen und konzertanten Charakters in sich vereinte. Ob forte oder piano, ob Galuppi, Händel oder Vivaldi, das war pure Harmonie – jede Linie lebte, gewann Farbe und trat wieder in den Hintergrund, effektvoll abgedunkelt und gedämpft. Hohe Tempi wurden leicht, locker und spritzig genommen, langsame Sätze dagegen mit Ruhe und hoher Intensität ausgespielt. Dezent und doch voller Ausdruck, zärtlich und doch kraftvoll vereinten sich die Darbietungen. Salopp gesprochen: Hier wurde aus den klangschön aufeinander abgestimmten Gitarren und Mandolinen samt Mandolen und Kontrabass „rausgeholt“, was in ihnen steckte.

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Auch die Solisten bestachen durch die Gelassenheit, mit der sie schwierige Triller und Verzierungen nahmen, wie Balletttänzer, die gerade die größten Anstrengungen mit federleichtem Ausdruck gestalten. Aber sie drehten in diesem Konzert keine einsamen Pirouetten, jede Phrase war motiviert aufs gemeinsame Konzertieren. Wie die schwülwarme Luft einer Sommernacht am Golf von Neapel umschmeichelte die leidenschaftlich-schwelgerische Musik die Ohren. Und gleich darauf klangen die eingängigen Melodien schon wieder nach Sonnenaufgang, nach Sonnenschein an der Lagune, da wurde die Musik lebendig und bekam diesen erzählenden Tonfall, der das begeisterte Publikum geradezu in Vivaldis nostalgisches Venedig entführte. Betörend schön.

Von Rolf-Dieter Diehl