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Celle Stadt Ungesühnt – doch nicht vergessen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ungesühnt – doch nicht vergessen
15:48 07.04.2019
Von Christian Link
"Zeitlos mahnend – schwer lastend": Seit 1992 erinnert ein quadratisches Mahnmal auf den Triftanlagen an die Opfer des Celler Massakers.
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Celle

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet sich rund um das Neustädter Holz das "Massaker von Celle": Vier Tage vor dem Einmarsch der Briten helfen zahlreiche Bürger der Stadt den Wehrmacht-Soldaten und SS-Männern bei der Menschenjagd auf entflohene KZ-Häftlinge. Mindestens 170 Frauen, Männer und Jugendliche werden ohne Skrupel getötet. Vor allem Polizisten, aber auch ganze normale Celler brüsten sich im Anschluss damit, wie viele Menschen sie erschossen haben. Doch zwei Jahre später in der Verhandlung vorm Militärgericht will keiner der 14 Angeklagten mehr freiwillig den Abzug gedrückt haben. Das wohl schwerste Verbrechen in der Stadtgeschichte wird nie angemessen gesühnt.

Häftlingszug gerät in Bombenangriff

Der Krieg ist bereits verloren, das ist offensichtlich. Doch die SS will keinen KZ-Häftling lebend in die Hände des Feindes fallen lassen. Wer nicht zu Fuß auf Todesmärsche geschickt wird, wird in überfüllten Güterzügen zum nächsten Konzentrationslager transportiert. So ergeht es auch 3400 KZ-Insassen, die auf dem Weg von Salzgitter-Drütte nach Bergen-Belsen am 8. April 1945 wegen technischer Probleme im Güterbahnhof Celle halten. "Es war ein Zug mit ungefähr 60 Waggons. In der Mitte des Zuges blieb ein leerer Waggon. Für die Leichen, die wir unterwegs hatten", berichtet ein überlebender Häftling.

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In Celle gerät der Zug in den Bombenhagel der U.S. Air Force, die die Nachschubwege nach Hannover unterbinden will. Der Luftangriff erfolgt in drei Wellen. Bis zu 500 Häftlinge, 122 Zivilisten aus Celle und 38 KZ-Wächter sterben sofort. Viele KZ-Häftlinge flüchten vor der Zerstörung. Wer zu weit läuft, wird sofort von SS-Leuten unter Beschuss genommen. "Wir alle sahen ja, dass die Leute weg liefen in gestreifter Kleidung vor den SS-Angehörigen, die versuchten, sie zu erschießen", schildert später ein Augenzeuge, der damals als Kind in der Birkenstraße lebte. Wenig später beteiligen sich auch schon die ersten Zivilisten an der Menschenjagd.

Celler durchkämmen Neustädter Holz

Bis zum späten Abend haben die Nazis die meisten Häftlinge wieder zusammengetrieben, doch mindestens 100 Menschen bleiben auf der Flucht. Unter dem Kommando von Generalmajor Paul Tzschöckell, der die Flüchtlinge zu Plünderern erklärt, durchkämmen hunderte Menschenjäger das Neustädter Holz und das Gebiet drum herum. Etliche KZ-Häftlinge werden erschossen, teilweise nach der Gefangennahme hingerichtet. Auch diejenigen, die sich ergeben, werden nicht verschont.

Bei alldem spielen auch Zivilisten aus Celle eine erhebliche Rolle. Polizei-Oberleutnant Otto Schwandt soll auf dem Lönsweg drei Menschen brutal erschossen haben, wie ein Zeuge später vor Gericht aussagt. Schwandt selbst bestreitet jedoch jegliche Morde beim Prozess in der Aula des Oberlyzeums (heute: KAV-Gymnasium). "Mein Befehl: Nicht schießen! Wurde überhört oder nicht ausgeführt", sagt er.

Regelrechte Hinrichtungen

Ein zweiter Zeuge aus Wietzenbruch lässt Schwandts Darstellung unglaubwürdig erscheinen. Im Neustädter Holz habe der Mann den Polizeioffizier dabei beobachtet, wie er drei gefasste KZ-Häftlinge dazu aufforderte, sich hinzulegen. Dann habe er sie erschossen. Und eine dritte Zeugin sagt aus, dass Schwandt sie mit vorgehaltener Pistole am Verbinden eines Häftlings gehindert habe. Später habe Schwandt beim Anblick eines zweiten Häftlings gesagt: "Was? Die Schweine leben noch? Ich werde das meinige dazu tun!"

Bei dem Massaker, das später als "Celler Hasenjagd" verharmlost wird, greift auch Celles Sportheld Otto Amelung zur Waffe. Der erfolgreichste Boxer der Vorkriegszeit sagt vor Gericht aus, dass ihn ein Polizist zur Erschießung von vier Häftlingen gezwungen habe. Der Polizist stellt dies anders dar: Amelung habe sich seine Pistole ausgeliehen, um die Menschen zu erschießen.

Milde Urteile vor Gericht

Neben Schwandt und Amelung werden zwölf weitere Celler wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt: Kaufmann Heinrich Luhmann, Elektromeister Oskar Carlowitz, Baukontrolleur Friedrich Lautenbach, Heizungsbaumeister Heinrich Giesemann, Landwirt Alwin Schuchardt, Gefängniswächter Ernst Fischer, Schriftsetzer Karl Schmidt, Soldat Fritz Joost sowie die Polizeibeamten Helmut Ahlborn, Gustav Behrens, Jakob Decker und Albert Sievert.

Joost, Ahlborn und Amelung werden zunächst zum Tode verurteilt. In der Revision vorm höchsten englischen Berufungsgericht verlässt Joost jedoch nach nur 30 Minuten den Saal als freier Mann. Ahlborn und Amelung werden vom Militärgouverneur zu Gefängnisstrafen begnadigt. Die übrigen Ergebnisse des „Celle Massacre Trials“: Sieben Freisprüche, vier Haftstrafen. Als letzte werden Ahlborn und Amelung im Oktober 1952 vorzeitig aus der Haft entlassen. Weitere Versuche der deutschen Justiz, die teils vor Schaulustigen begangenen Morde zu ahnden, scheitern.

Zum Jahrestag des Massakers an KZ-Häftlingen am 8. April 1945 sind alle Celler Bürger am Montag, 8. April, um 17.30 Uhr zum stillen Gedenken und kritischen Erinnern am Denkmal auf den Triftanlagen eingeladen. Die Kranzniederlegung wird vom SPD-Ortsverein Celle organisiert. "Es handelt sich nicht um eine parteipolitische Veranstaltung", betont SPD-Vorstandsmitglied Joachim Schulze.

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