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Celle Stadt Stück bietet Abgründe statt Idylle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Stück bietet Abgründe statt Idylle
15:17 13.06.2010
Auf dem Land: Daniel Brockhaus, Petra Friedrich und am Boden liegend Alexandra Fagura. Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
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„Auf dem Land“ heißt das Stück des britischen Autors Martin Crimp – aber so idyllisch, wie das klingt, geht es hier keineswegs zu. Vielmehr werden sich Abgründe auftun, wenn diese Beziehungsgeschichte der besonderen Art am Freitag im Malersaal Premiere hat.

Der Arzt Richard ist mit seiner Gattin Corinne unlängst in ein Haus außerhalb der Stadt gezogen. Zu Beginn des Stücks hat sich gerade Sonderbares zugetragen, denn mit Rebecca ist ein unerwarteter Gast eingetroffen und liegt nun schlummernd im heimischen Bett. Richard hat die junge Frau mitgebracht und behauptet, sie habe hilflos neben der Straße gelegen. Wie sich herausstellt, kann das so nicht stimmen, und überhaupt mehren sich die Rätsel. Der Inhalt von Rebeccas Tasche zum Beispiel wirft Fragen auf. Und was hat es mit den merkwürdigen Anrufen von Richards Partner Morris auf sich?

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„Es ist eine Art Psycho-Thriller mit Krimi-Elementen“, sagt Regisseurin Ruth Rutkowski, die zum ersten Mal in Celle inszeniert. „Zugleich handelt das Stück von Themen, die jeder kennt. Zum Beispiel, ob eine Beziehung funktioniert, und wie man damit umgeht, wenn nicht.“ Ist es ein Problem, dass das Stück in allererster Linie von der Sprache lebt und, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade vor Action im physischen Sinne strotzt? „Nein, die Situationen sind spannungsreich genug.“ Krampfhaft aufgebrezelt werden soll hier zumindest gar nichts: „Wir gehen nicht in eine gewollte Künstlichkeit, sondern vertrauen auf den emotionalen Gehalt und auf das Zusammenspiel.“

Allerdings ist der Text für die Aufführung gekürzt worden: „Ganz schön sogar“, meint die Regisseurin. „Ich schätze, ungefähr um ein Drittel. Wir haben es am Anfang in den Proben einmal ganz durchgespielt, und es gab viele sehr starke Textpassagen, aber auch manche Schleife, auf die man verzichten konnte.“ Hat die erste Version noch rund zwei Stunden gedauert, soll sich die Spielzeit jetzt bei 80 bis 85 Minuten einpendeln.

Wie wird das Bühnenbild aussehen, konkret oder abstrakt? „Irgendetwas dazwischen“, antwortet Rutkowski. „Es gibt viele Türen, als Symbol dafür, dass man verschiedene Wege gehen kann. Welche der Türen dann auch tatsächlich geöffnet werden, ist eine ganz andere Frage …“ Übrigens sind ja Petra Friedrich und Daniel Brockhaus, die das Ehepaar spielen, auch in Wirklichkeit ein solches – hat die Regisseurin den Eindruck, dass dies den Umgang mit dem Stoff beeinflusst? „Nein, ich glaube, für solch hochprofessionelle Schauspieler macht das keinen Unterschied.“

Rutkowski ist bislang vor allem durch ihr Wirken für das freie hannoversche „theater fensterzurstadt“ bekannt geworden. Da stellt sich die Frage, ob die Arbeit in Celle etwas grundsätzlich Anderes ist. „In Hannover gehen unsere Stücke meistens mehr in Richtung Collage“, sagt die Regisseurin. „Aber mein Ansatz ist derselbe. Dass ich nämlich nicht in die Proben gehe und von vornherein bestimmen will, wie alles gemacht wird, sondern die Inszenierung zusammen mit den Schauspielern erarbeite.“ Wodurch eine Dichte entstehen soll, die nicht zuletzt dramatische Knalleffekte völlig überflüssig macht: „Was sich in der Phantasie der Zuschauer abspielt, ist sowieso viel stärker als alles, was man auf der Bühne zeigen kann.“

Von Jörg Worat