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Celle Stadt Träumerisch, sinnlich mit zartem Glanz
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Träumerisch, sinnlich mit zartem Glanz
16:23 22.06.2010
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Celle Stadt

Ein begeisterndes Konzert gab die 16-jährige russische Nachwuchspianistin Vera Adrianova im Sophien-Stift. Seit zehn Jahren ist sie Schülerin des Musikgymnasiums am St. Petersburger Konservatorium. In Celle interpretierte sie Stücke von Bach, Haydn, Chopin, Rachmaninow und Prokofjew. Dabei bot Adrianova keine (ver)blendenden Show-Effekte, sondern lieferte das Ergebnis einer fundierten Auseinandersetzung mit den ausgewählten Kompositionen. Gebündelt und konzentriert waren ihre Interpretationen, fokussiert auf den Aussagegehalt der Musik. So auf den Punkt gebracht, ohne jeglichen pompösen Schnickschnack, machte sie das Wesentliche der Stücke, die motivische Idee und deren Entwicklung, zum „roten Faden“ ihres Spiels.

Eindrucksvoll gelang ihr die Balance zwischen Melodielinie in der rechten und dem rhythmischen Gerüst in der linken Hand. Dabei ging sie mit extrem kultiviertem und fein pedalisiertem Anschlag zu Werke. Einfühlsam gewichtete sie die emotionalen Züge, indem sie die dynamischen Schichten behutsam und präzise übereinander legte und ihnen so auch räumliche Tiefe verlieh. Überzeugend gestaltete sie den Aufbau einer träumerisch-verhangenen Atmosphäre, etwa in Chopins „Nocturne“, hielt sich jedoch – wie beim Haydn-Allegro oder bei Prokofjews sinnlicher „Cinderella“ – stets auch für leidenschaftliche Ausbrüche bereit. Mal spielte sie mit berührender Unruhe, fast zerbrechlich, dann wieder stürmte sie donnernd und forsch durch die Partitur. Wo allerdings die Rasanz Gefahr lief, zum bloßen Selbstzweck zu verkommen und in überschäumender Kür auszuufern, zügelte sie ihr Temperament und gönnte den Melodien eine weich ausschwingende Artikulation und zarten Glanz, ohne dadurch sentimental rüberzukommen. Durch ihr feines musikalisches Gespür und ihren individuellen Interpretationsstil vermittelte die junge Pianistin dem geradezu verzauberten Publikum unterschwellig so auch die Erfahrung, dass man selbst die vertrautesten Klassiker immer wieder neu zu entdecken vermag.

Von Rolf-Dieter Diehl