Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Stadt Männlich - weiblich - divers
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Männlich - weiblich - divers
17:31 14.02.2019
Quelle: Montage: CZ
Celle

Trotz Inkrafftreten der „Ehe für alle“ im Jahre 2017 herrsche, so Kevin Rosenberger von der Akademie Waldschlösschen, „nach wie vor eine strukturelle Diskriminierung gegenüber nicht-heterosexuellen Lebensentwürfen“. Das ist eine zentrale These, die der Sozialpädagoge in seinem Vortrag „Männlich – weiblich – divers“ am Dienstag in der Volkshochschule Celle vertrat.

Dieses beziehe sich jedoch nicht nur auf gleichgeschlechtlich Liebende, sondern ebenso auf Menschen, deren Geschlecht sich nicht in das vorherrschende Mann/Frau-Schema einordnen lasse. Um diesen Menschen eine nichtdiskrimierende Behandlung im öffentlichen Raum bieten und den existierenden Geschlechtervarianten gerecht werden zu können, trat Ende 2018 das neue Personenstandsgesetz in Kraft. Dieses sieht vor, dass anstelle des Offenlassens des Geschlechtseintrags bei Personen, die weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können, die Angabe „divers“ gewählt werden kann.

Einerseits beabsichtigt diese rechtliche Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt eine freiheitlich gleichstellende Wirkung für die betreffenden Personen sowie eine Steigerung der Akzeptanz und des öffentlichen Bewusstseins bei Geschlechterfragen. Dieses sei laut Rosenberger insbesondere für Jugendliche mit diversem Geschlecht wichtig. Denn sie seien angesichts einer verhältnismäßig hohen Selbstmordrate eine besonders verwundbare Gruppe. Andererseits schafft sie einige Unsicherheit hinsichtlich des Umgangs mit geschlechtlicher Diversität: Wie werden diese Menschen in administrativen Formularen und öffentlichen Schreiben angesprochen? Was ist mit der bislang lediglich zweigeschlechtlichen Trennung von öffentlichen Toiletten und Waschräumen?

„Divers“ in Anzeigen

Neben Informationen zum Thema Geschlechtervielfalt an sich bot Rosenberger in seinem Vortrag einige Antworten auf ebendiese Fragen. Vor dreizehn interessierten Zuhörern konzentrierte sich der Vortragende insbesondere auf „praxisnahe und anwendungsorientierte Handlungsstrategien“ in unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen.

Bei Stellenausschreibungen beispielsweise empfahl Rosenberger drei Varianten zur nichtdiskriminierenden Formulierung. Hinter einer von vornherein geschlechtsneutral formulierten Stellenbezeichnung könne eine um den Zusatz „divers“ erweiterte, sogenannte „Genderklammer“ (m/w/divers) stehen, wie sie ohnehin weitgehend bekannt sei. Eine andere Möglichkeit sei die Formulierung „Person zur“ mit entsprechender Tätigkeitsangabe und anschließender Genderklammer. Eine dritte, relativ simple Option stelle der sogenannte „Gendergap“ (Berufsbezeichnung_in) beziehungsweise „Genderstern“ (Berufsbezeichnung*in) dar, der symbolisch alle Geschlechtervarianten abbilde. Zusätzlich zu allen drei Varianten sei noch ein Hinweis am Ende der Stellenausschreibung hilfreich, in dem die inserierende Institution einen Hinweis darauf gibt, dass sie an Bewerbungen aller Individuen, gleich welchen Geschlechts, interessiert ist. Bei Arbeitsverträgen seien insbesondere Behörden dazu angehalten, in ihren Anmeldemasken neben den drei Varianten m/w/divers auch die Option „offen“ im Sinne von „keine Angabe“ vorzuhalten.

Im Hinblick auf adäquate Anredeformen, die Menschen jedweden Geschlechts einschließen, schlug der Referent anschließend die Anredeformen „Sehr geehrt* [...]“, „Lieb* [...]“, „Sehr geehrte Damen_Herren“ sowie die komplett auf geschlechtsspezifische Formen verzichtende Möglichkeit „Guten Tag [...]“ vor. An dieser Stelle ergab sich eine kritische Anmerkung aus der Zuhörerschaft. Ein Teilnehmer verwies darauf, dass die herkömmliche Praxis des generischen Maskulinums, wie beispielsweise „Sehr geehrter Spender“, in seinem beruflichen Alltag durchaus praktikabel sei und sich niemand diskriminiert fühle. Deshalb sei alles andere übertriebener „Popanz“ und „Quatsch“. Dieser Äußerung stellte Rosenberger eine Studie mit Kindern gegenüber, die sich bei generischen Berufsbezeichnungen wie Arzt oder Polizist immer nur männliche, aber nie weibliche Personen vorstellen würden. Dieses sei in der Tat geschlechterdiskriminierend.

„Unisex“-Toiletten

Zum Schluss widmete sich Rosenberger noch der in der Öffentlichkeit häufig kontrovers diskutierten „Toiletten-Frage“. Laut Niedersächsischer Bauordnung muss für bauliche Anlagen, die für einen größeren Personenkreis bestimmt sind, eine ausreichende Anzahl von Toiletten vorhanden sein. Zusätzlich ist in der Allgemeinen Durchführungsverordnung zur Niedersächsischen Bauordnung (DVO-NBauO) geregelt, dass Toiletten, die nicht zu
Wohnungen gehören und für mehr als 20 Personen benötigt werden, auf für Frauen und Männer getrennte Räume verteilt sein müssen. Die Regularien schreiben also lediglich eine zweigeschlechtliche Trennung vor, womit es keine Verpflichtung zur Einrichtung von geschlechtsneutralen Toiletten („Unisex-Toiletten“) gibt. Um Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen, hier entgegenzukommen, sei es laut Referent aber durchaus möglich, vereinzelte Toiletten „umzubenennen“. Es müssten für betreffende Personen also keine zusätzlichen Toiletten gebaut werden.

Die Vervielfältigung von Geschlecht

In den 1980er Jahren entwickelte sich die Geschlechterforschung als eigene wissenschaftliche Disziplin. Im Laufe der Zeit arbeitete diese heraus, dass nicht nur die sexuellen Orientierungen, sondern auch die Geschlechter der Menschen vielfältiger sind als allgemein angenommen.

Alle vom heterosexuellen Mann/Frau-Schema abweichenden sexuellen Identitäten sowie die dazugehörigen Menschen werden oft unter dem Oberbegriff „queer“ (Englisch für seltsam, merkwürdig) zusammengefasst und stellen fünf bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Sexuelle Identität wird unabhängig voneinander in sexuelle Orientierung einerseits und Geschlecht andererseits eingeteilt.

Das Geschlecht wiederum setzt sich laut Forschung aus den drei Elementen „Biologisches Geschlecht“ (Körper), „Psychisches Geschlecht“ (Identität) und „Soziales Geschlecht“ (Rolle) zusammen, wobei diese miteinander kollidieren können: Stimmt das bei der Geburt zugewiesene biologische Geschlecht mit der Geschlechtsidentität überein, wird dieser Mensch mit der Vorsilbe Cis* charakterisiert, also zum Beispiel „Cisfrau“.

Menschen, nicht in dem Geschlecht leben können oder wollen, welchem sie bei ihrer Geburt zugeordnet wurden, werden Trans* genannt. Die Vorsilbe Inter* hingegen bezeichnet Menschen, die mit Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, die als „geschlechtlich uneindeutig“ gelten.

Der Experte: Kevin Rosenberger

Kevin Rosenberger ist pädagogischer Mitarbeiter der Akademie Waldschlösschen, die sich vorrangig an Schwule und Lesben, trans*-, bi- und intersexuelle Menschen und ihre Lebenspartner_innen und Familien, für HIV-positive und an AIDS erkrankte Menschen und ihre Lebenspartner_innen wendet.

Der Vortrag „Männlich – weiblich – divers“ fand im Rahmen des Modellprojekts „Akzeptanz für Vielfalt – gegen Homo-Trans*- und Inter*feindlichkeit“ im Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Kooperation mit der VHS Celle statt.

Von Ralf Penning

Wahrscheinlich sind die wesentlichen Arbeiten an der Kreuzung Wehlstraße bis Ende Juni abgeschlossen

Dagny Siebke 14.02.2019

Einblicke in die Technik des Computers bot die jüngste Vorlesung der Kinder-Uni in der CD-Kaserne. Aber was hat der PC mit Taschenlampen zu tun?

14.02.2019

Seit 2007 sind die Patientenzahlen in der AKH-Notaufnahme dramatisch gestiegen. "Jetzt scheint der Zenit überschritten zu sein", sagt Chefarzt Ewald Hüls.

Christian Link 13.02.2019