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Celle Stadt Von Skandalnudeln und Muskel-Egon
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Von Skandalnudeln und Muskel-Egon
13:50 13.06.2010
Kronjuwelen: "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre". Eine musikalische Kriminalgeschichte aus dem Berlin der zwanziger Jahre mit Kathrin Brunner und Eckhard Greiner in Kunst & Bühne - Kathrin Brunner und Eckhard Greiner Quelle: Aneka Schult
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„Zahnstocher, Rasierklingen, Haarnadeln...“, schlarwenzelt ein zwielichtiger Hüne mit Bauchladen durch die Reihen. Jeder macht irgendwie noch einen Märker: Lustmörder und Selbstdarsteller, Ganoven und zerstückelte Frauen. Galant ging es in den 20ern nicht zu, eher obszön und rau. In der Reihe „Kronjuwelen – Musikalisch-Literarisches aus der Schatzkammer des Schlosstheaters Celle“ entführten die beiden Schauspieler Kathrin Brunner und Eckhard Greiner das Publikum in Kunst & Bühne ins Berlin der Zwanziger Jahre. In ihrer musikalischen Kriminalgeschichte „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ wurde geliebt, gelitten, geklaut, gesoffen, gemordet und getanzt. Gleich mit dem ersten federfüßigen Tänzchen zur Grammophon-Musik hatten die temperamentvollen, charismatischen Akteure die zeitreisenden Gäste im „Sack“. Ausdrucksstark ließen sie eine Ära der verruchten Exaltiertheit und koketten Sünden wiederaufleben. Mit großer mimischer Bandbreite und changierendem Spiel zwischen lieb und böse, naiv und lasziv, roh und schlitzohrig, besonders auch dank der musikalischen Parts, breiteten die Darsteller einen farbenprächtigen historischen Bilderbogen vor Augen und Ohren der Gäste aus. Wild leben die Figuren die Lebens- und Genusssucht der Zeit aus, exzentrisch setzten sich all die glamourösen Diven, schrägen Vögel und finsteren Gestalten in Szene: Lulu Gerber, die Skandalnudel, Muskel-Egon, der Gangsterboss, Hilde Rotawski, die Schauspielschülerin, die alte Fürstin Clothilde, Elmira Maledan, das Wunderkind sowie der zynische Intellektuelle Grossmann, Hans. Man begegnet sich zwischen Hotel Adlon, Romanischem Café und einem kleinen möblierten Zimmer in der großen Frankfurter Straße. Im Zentrum, als Objekt aller Begierde, sorgte ein sibirischer Silberfuchs für den kriminalistischen Plot. Seinetwegen kommen ständig Personen zu Tode, seinetwegen häufen sich am Ende die Anstandsgedenksekunden – der Running Gag des Stücks. Schließlich liegen alle Zeitgeistigen tot am Boden. Die Mimik lebt noch ein letztes Mal glanzvoll auf. Dann sind die schrille Süße und der „schmierige“ Ganove verstummt.

Eine vertrackte Krimirevue, die Raum bietet für Glanz und Glamour, bunten Fummel, schrille Hüte, Zirkusspektakel und Pistolenschüsse. Mit Klassikern wie „Kinder, heute Abend, da such ich mir was aus“, „Ich hab meine Tante geschlachtet“, „Benjamin, ich hab nichts anzuziehn“ oder „Egon, ich hab ja nur aus Liebe zu dir“ wurde der Mix aus realen Berliner Episoden der zwanziger Jahre und freien Inspirationen atmosphärisch aufgeladen.

Von Aneka Schult