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Celle Stadt "Wir hatten noch nicht angefangen zu leben"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Wir hatten noch nicht angefangen zu leben"
19:30 10.07.2011
Martin Guse (rechts)sprach zur Ausstellung \\"Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben\\" in der Synagoge. Hier mit Michael Stier, dem Vorsitzenden für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. Celle. Quelle: Gert Neumann
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„Darüber spricht man nicht, das schweigt man lieber tot“, berichtet Martin Guse. Der Jugendsozialarbeiter aus Liebenau nahm sich einer Sache an, an deren Bekanntwerden weder die Altvorderen von Fürstenberg in der Uckermark noch die aus Moringen im Solling ein Interesse hatten. Das „Erbgut der so genannten „Jugendschutzlager“, die in Wahrheit Jugendkonzentrationslager waren, war noch zu heftig für geläuterte Nachkriegsseelen. Guse arbeitete das Thema auf und richtet Ausstellungen aus. Bis zum 23. September des Jahres ist seine Ausstellung in der Celler Synagoge, Im Kreise 24, für jedermann offen.

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Guse will vor allem junge Menschen erreichen und hofft, dass sie nachzuvollziehen lernen, was damals Gleichaltrigen in den Jugendlagern Moringen und Uckermark widerfahren ist. „Das System der Vernichtung und Versklavung hat sich unter dem NS-Regime nicht nur in der Ferne vollzogen, sondern flächendeckend im gesamten Deutschen Reich, referierte der Jugendsozialarbeiter.

Guse: „Wegen Nichtanpassung, Verweigerung; vor allem wegen so genannter „Unerziehbarkeit“ und „Asozialität“, mit der Aussonderung der Betroffenen aus der staatlichen Ersatzerziehung; wegen eines nicht staatskonformen oder unerwünschten Sexualverhaltens, auf Grund des Glaubens als Zeuge Jehovas oder Jude; auf Grund konkreter Opposition und Widerstand gegenüber dem NS-Staat oder wegen des Wunsches nach einer freien und individuellen Lebensgestaltung: Aus einer kaum überschaubaren Vielzahl von Gründen wurden Mädchen und Jungen im Alter von 13 bis 25 Jahren in den Jugend-KZs inhaftiert. In zwei Fällen, sogar 10j-ährige Kinder.“

Als „Rassefremde“, „Gemeinschaftsfremde“, erbgeschädigte Asoziale und Kriminelle“, wurden sie diffamiert und zu rechtlosen Nummern im Lageralltag abgestempelt. Ihrer Namen und ihrer Identität beraubt, waren sie der Willkür und dem Terror der SS sowie der bedingungslosen Ausnutzung ihrer Arbeitskraft bei völlig unzureichender Verpflegung ausgeliefert. Sie mussten als teilweise noch Pubertierende lernen, mit dem ständigen Gedanken an Tod und Überleben konfrontiert zu sein.

Doch auch nach der Befreiung 1945 war ihr Leidensweg lange nicht beendet. Zum Teil erst nach über 60 Jahren erhielten einige eine eher symbolische Zahlung über die Geldmittel für ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes.

Die Ausstellung macht nachdenklich, mahnt und warnt, weist auf Signale hin. „Wir können einer Wiederholung der Ereignisse von damals nur begegnen, wenn wir es mit dem Philosophen Karl Jaspers halten“, rät Guse. „Was geschah, ist eine Warnung. Sie zu vergessen, ist Schuld.“

Von Gert Neumann