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Celle Stadt Zerbrechliche Glieder einer Kette / Symbolisches Konstrukt mit Köpfchen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zerbrechliche Glieder einer Kette / Symbolisches Konstrukt mit Köpfchen
14:18 13.06.2010
Tony (Sara Wortmann), Grünlich (Ronald Schober) Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
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Celle Stadt

Von Silja Weißer

CELLE. Mal ehrlich. Wer hat`s gelesen? Bei wem fristet Thomas Manns Erstlingswerk, die „Buddenbrooks“ kein Dasein als angelesenes Prunkstück im Bücherregal? Zu dick der Jahrhundertroman. Zu viel Untergangsstimmung in der Lübecker Kaufmannsfamilie, deren Finanzen und Vitalität von Generation für Generation schwinden.

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Dennoch: Kalle Kubiks Inszenierung sorgte für einen fulminanten Saisonauftakt. Das Premierenpublikum am Freitag im Schlosstheater klatschte die Darsteller nach zweieinhalb Stunden Spielzeit wieder und wieder auf die Hauptbühne.

Nicht nur Dank John von Düffels griffiger Dramatisierung. Die Bühnenfassung dampft das epische Kontinuum aus vielen hundert Seiten gehörig ein und rückt die Figurengestaltung und Manns ironische Erzählweise in den Vordergrund.

Kubik führt die Reduktion konsequent fort und setzt auf Symbolik. Der Regisseur lässt sein Team auf einem schrägen, verzweigten System aus Stegen (Bühne: Christina Wachendorff) agieren, setzt sie in einem faszinierenden Stellungsspiel in Szene und entwirrt auf diese Weise das Geflecht aus Beziehungen und Hierarchien. Nicht nur der Wert des Einzelnen für die Familie/Firma wird berechnet. Die Familienaufstellungen decken die die krankmachenden Verstrickungen auf. Etwa die des Herrn des Hauses, Konsul Buddenbrook (Hartmut Fischer) zu Tony. Das Töchterchen, solide gespielt von Sara Wortmann, mausert sich rein äußerlich zur Tochter. Im Inneren tut sich wenig. Ihre emotionale Abhängigkeit überdauert den Tod des Vaters.

Als Sklaven ihrer väterlichen Bestimmung demontieren sich auch Tonys Brüder. Die verbalen Zweikämpfe des nach Aufmerksamkeit heischenden Hypochonders und Familienclowns Christian (Lajos Wenzel) und des patriachal-autoritär orientierten Thomas (Tim Bierbaum) gehören zu den Höhepunkten des Stücks. Beide durchdringen ihre Rolle und liefern eindrucksvolle Kämpfe - gegeneinander und vor allem gegen sich selbst, inklusive Tränen und Gebrüll bis hin zum Zusammenbruch.

Bei aller Tragik bleibt die Komik nicht auf der Strecke. Ronald Schober poltert sich als schleimiger Mitgiftjäger Bendix Grünlich stets mit einer verkappten Ta-ta-hier-bin-ich-Arabesque ins Geschehen. Thomas Henniger von Wallersbrunn mimt den plumpen Urbayern Permaneder als absoluten Fremdkörper in der zugeknöpften Hanseatenfamilie.

Auch leise kommt der Witz daher, so bei Thomas` Frau Gerda, verkörpert von Gabriela Lindlova. Gefühlstod und wortkarg wandelt sie in Eisblau an der Schwelle zur Lächerlichkeit.

Punktgenau eingesetzte Requisiten und wunderbare musikalisch begleitete Übergänge (am Klavier: Ulrich Jokiel) verdichten das Stück und lassen den Zuschauer nicht los. Auch nicht wenn der Vorhang längst gefallen ist.

Von Silja Weißer