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Celle Stadt Zwischen Dada und Lama
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zwischen Dada und Lama
15:24 13.06.2010
Ulan und Bator - Wirrklichkeit Quelle: Aneka Schult
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Celle Stadt

Wie blöde saßen die Beiden da im Scheinwerferlicht in Kunst & Bühne. Auch mehrmaliges Klatschen der Besucher half nichts. Das Programm fing nicht an. Lag’s an den unaufhörlichen Getränke-Bestellungen oder war das geplant? Man wusste es nicht – ein Zustand der Wahrnehmungsverwirrung, der einen das ganze Programm von Ulan & Bator hindurch nicht mehr verließ. Dann, in einer synchronen Zeremonie, zogen die Comedians Sebastian Rüger und Frank Smilgies, die sich beim Schauspielstudium auf der Folkwang Hochschule Essen kennenlernten, ihre sexy Wollstricküberzieher über ihre Rüben, hoppla, ihre Köpfe und los ging’s. Der metamorphosesche Akt der Fremdsteuerung war in Gang gesetzt und nicht mehr zu bremsen. In idiotischem Idiom faselten die Beiden wirres Zeug, und weil’s so schön war, anschließend das Gleiche noch einmal.

„Wirrklichkeit“ (mit zwei „r“) hieß das sehr „besondere“ Stück, das mittels spastischer Gliederverrenkung und geistiger Gehirnamputation mit dem Verstand der Zuschauer sein Unwesen trieb. Ulan und Bator, die auch im Fernsehen auftreten als Cops ohne Plan, lassen die Gäste in der permanenten Ungewissheit, ob sie die Opfer großer Filmtraumata, Anhänger des Dada oder Lama, beim Freigang Ausgebrochene oder Freigelassene auf Zwei-Stunden-Urlaub sind. Normal jedenfalls, so viel war klar, sind die nicht. Mag sein, da wirken Gen-Defekte oder schamanische Zauber, mag sein es liegt an den Gehirnzellen erhitzenden tibetanischen Bommelmützen, aber wer mit der Mimik, dem Ausdruck vollkommensten Stumpfsinns und diesen Körperkollabierungen über den „Homo floriensis“ oder esoterische Weltanschauungen sinniert, hat einen an der Waffel. Also so richtig. Da liefen manchem Gast schon mal die Tränen, ob der bedauernswerten Gesichtskrämpfe und Gliederzuckungen dieses Blödel-Duos. Ein Höhepunkt war der usbekische Volkslied-Tanz.

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Die Comedians aus Köln und Berlin verheizen alles: Otto, „Warten auf Godot“, grüne Kühlschrank-Zwerge, sophoklisch philosophierende Fußballspieler sowie einen völlig verhunzten „Don Carlos“ von Schiller. Krimi-Phrasen werden zu Dialogen verstrickt, Pierre aus dem geschlossenen Vollzug betritt die Showbühne – zu schweigen von den Sanges-Passagen – und Gottvater trifft in diesem Comedy-Irrenhaus seinen Sohn. Planlos diskutierten die Bommel-Deppen über ihre Bühneneinsätze und dilettierten mit solcher Professionalität, dass am Ende offen bleibt: ist das eine neue Kunstform, sind die Außerirdischen nun da oder ist das der endgültige Kollaps der Welt.

Von Aneka Schult