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Garßen Zentrum für Inklusion eingeweiht
Celle Aus der Stadt Garßen Zentrum für Inklusion eingeweiht
15:21 07.02.2019
Von Andreas Babel
Nach dem Jahresempfang der Lebenshilfe Celle besuchte Ministerpräsident  Stephan Weil das neuen Zentrum für inklusive Bildung in Garßen. Quelle: David Borghoff
Garßen

Ein kleines Metallteil lag gestern nicht etwa unbedacht auf jedem Stuhl, der in der Sporthalle in Garßen aufgestellt war. Es sollte vielmehr auf eine wichtige Aufgabe der Lebenshilfe Celle verweisen: Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene „überlebensfähig“ zu machen. Das kleine Metallteil, mit dem die Lebenshilfe jeden Gast des Jahresempfangs beschenkte, ist ein survival tool – zu deutsch ein Überlebenswerkzeug.

Comenius-Schule, Heilpädagogischer Kindergarten und Krippengruppe

Der Jahresempfang war bewusst aus dem Lebenshilfe-Stammsitz in Altencelle nach Garßen verlegt worden, weil gleichzeitig eine Einweihung gefeiert wurde. Das neue „Zentrum für inklusive Bildung“ liegt in Garßen in unmittelbarer Nachbarschaft von Turnhalle, Kindergarten, Grundschule und Kirche und wurde im Anschluss an den Empfang von den Gästen „geflutet“. Bei einer der angebotenen Führungen war auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zugegen. Er schaute bei einer Gruppe der Comenius-Schule, des Heilpädagogischen Kindergartens „Purzelbaum“ und bei den „Wieseln“, der Krippengruppe, vorbei. In allen Räumen hielt er sich nur kurz auf, denn die Kinder saßen beim Essen. „Kinder, die Hauptsache ist doch, dass es euch schmeckt. Da wollen wir nicht stören“, sagte der Landesvater, um beim Herausgehen noch ein langgezogenes „Mmmmh, mit Vanillesoße, lecker!“ anzufügen.

Ministerpräsident zieht mit Projektchor in die Halle ein

Während des Empfangs war Weil mitten unter den Kindern und Jugendlichen der Lebenshilfe und der Grundschule Garßen eingezogen. Gemeinsam mit dem Publikum (das allerdings etwas schwach auf der Brust war) bildeten die jungen Menschen den „größten inklusiven Projektchor“, wie es Lebenshilfe-Geschäftsführer Clemens M. Kasper ausdrückte.

Landesvater lobt "weit, weit überdurchschnittliches Engagement"

Mit dem Refrain des gemeinsam gesungenen Liedes beendete Weil seine kurze Rede: „Ich, du, wir woll‘n zusammen wachsen, ich, du, wir woll‘n zusammen steh‘n. Ich, du, wir, so leben wir zusammen, finden unser‘n Weg, wenn wir gemeinsam geh‘n.“ Vorher hatte er die Einzigartigkeit der Einrichtung hervorgehoben: „Ich wüsste nicht, wo es sonst in Niedersachsen so etwas gibt.“ Das „eigentliche Sahnehäubchen“ sei aber das gleichzeitige Regelangebot von Kindergarten und Grundschule in der Nachbarschaft. Er hob das „weit, weit überdurchschnittliche Engagement“ der Lebenshilfe hervor, die hier etwa 5 Millionen Euro – „und das ohne staatliche Hilfe“ – investiert habe. Er freue sich, dass man hier verschiedene Kooperationsformen ausprobiere.

Comedian Martin Fromme sinniert über Behindertenfrage

Comedian Martin Fromme hielt in seinem gut halbstündigen Vortrag dem Publikum einen Spiegel vor. Sein Programm „Besser Arm ab als arm dran“ verweist auf sein körperliches Handicap: Ihm fehlt der linke Unterarm. Den bezeichnete er als „ganz, ganz wertvolle Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge“. Er kennt die Befangenheit im Publikum, wenn er auf der Bühne loslegt, und thematisiert das auch gleich: „Darf ich lachen? Muss ich lachen? Wenn ich nicht lache, bin ich dann behindertenfeindlich?“ Neben einigen Kalauern bringt Fromme auch Hintergründiges: Wenn er etwa über die Pläne der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sinniert, Behinderte in die Streitkräfte zu integrieren: „Wir passen ja wunderbar zu den Waffen der Bundeswehr, die sind ja auch nicht mehr soooo ...“ Das Militär sei ja ohnehin nichts für ihn, schließlich heiße es ja „Armee“. Da merkte er aber auch gleich an, dass das ein ziemlicher flacher Witz sei.

Landrat Klaus Wiswe will niemanden verloren gehen lassen

Celles Landrat Klaus Wiswe (CDU) erinnerte sich zu Beginn seiner Rede an die Tage, an denen er auf der Tribüne dieser Halle mit seiner Tochter und seinem Sohn mitgefiebert hatte, die hier in der „Pampersliga“ dem Ball hinterhergejagt waren. Für den Landkreis und die Stadt Celle sei das Motto „Niemand soll verloren gehen“ ein wichtiges Motiv. Das neue Bildungszentrum bezeichnete Wiswe als „weiteren wichtigen Baustein, um die Inklusion im Landkreis Celle weiter voranzubringen.“ Das betreibt Steffen Hollung seit viereinhalb Jahren. Als Leiter des Bereichs „Leben und Lernen“ ist er nun auch für das neue Zentrum verantwortlich. Er habe in Garßen einen „starken Willen“ zur Zusammenarbeit und zur Inklusion vorgefunden. Die Freude darüber war ihm ins Gesicht geschrieben.

Kommentar: Geborgen

Im Herzen von Garßen ist ein Ort entstanden, an dem sich Kinder geborgen fühlen können. Diesen Eindruck vermittelte der gestrige Jahresempfang der Lebenshilfe Celle in der Sporthalle am Koppelweg und im neu eröffneten Bildungszentrum, das sich netter und offener Nachbarn von DRK-Kindergarten, Grundschule und Kirche erfreut. Den knapp 200 Gästen aus dem öffentlichen Leben wurde vermittelt, dass hier Menschen mit großen Herzen am Werk sind, für die ihr Beruf auch gleichzeitig Berufung ist. Wo gibt es denn zum Beispiel das, dass vier (ehemalige und aktive) Schulleiter gemeinsam als Quartett mit ihren Blasinstrumenten die feierliche Erweihung eines Zentrums eröffnen? In allen Räumen, in die nicht nur Ministerpräsident Stephan Weil schaute, waren Erwachsene mit den Kindern und Jugendlichen beschäftigt, die besondere Hilfe benötigen. Viele der 347 Mitarbeiter der Lebenshilfe und ihrer Werkstätten hatten die Feier organisiert und ausgerichtet, ihre Gäste mit Speis und Trank versorgt, es war wie eine große Familienfeier in der Aula des neuen Zentrums. Wenn dieser Geist oder neudeutsch Spirit anhält – und dessen kann man sich sicher sein– dann muss es einem nicht bange sein um unsere Kinder und Enkelkinder, die keinen einfachen Start ins Leben hatten. Jede Anstrengung, sie an dem „normalen“ Leben teilhaben zu lassen und sie in ihren Sorgen und Nöten ernst zu nehmen, ist es wert, dass wir sie gemeinsam unternehmen.

Ein Rundgang durchs Zentrum

(verfasst von den drei Schulpraktikantinnen Annemarie Flader, Sina Marie Rauhut und Paula Schecker)

Der Geruch von Essen zieht durch das Haus und aus den Räumen hört man das Klappern von Besteck. Im neu eröffneten Bildungszentrum in Garßen ist gerade Mittagszeit. Das normale Alltagsgeschehen in dieser Einrichtung wird unterbrochen von einer großen Gruppe Politiker wichtiger Funktionäre und Journalisten. Der Grund: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil hatte im Vorfeld der Einweihungsfeier des Bildungszentrums der Lebenshilfe Celle in Garßen darauf bestanden, sich vor Ort ein genaues Bild zu machen. Faszination, Überraschung und Neugier seitens der Kinder, als Weil die freundlich eingerichteten Räumlichkeiten betritt und sich alles genau von den engagierten Mitarbeitern erklären lässt.

Kindergarten "Purzelbaum" gliedert sich in sieben Gruppen

Die erste Station der Führung bildet dabei der Kindergarten Purzelbaum, in dem die Kinder in sieben Gruppen eingeteilt, unabhängig davon, ob sie körperlich oder geistig eingeschränkt sind, ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten erlernen und ausbauen können. Die Räume sind in hellen und frischen Farben gestrichen und die Einrichtung lässt keine Kinderwünsche offen. Kinder und Pädagogen essen zusammen wie eine kleine Familie und die Waschräume sind sowohl barrierefrei, als auch kindgerecht. Genug Platz zum Toben findet sich außerdem nicht nur drinnen. Mehrere Spielplätze sowie die ländliche Umgebung laden die Kinder dazu ein, die Natur zu erforschen, die Nähe von Tieren kennenzulernen und viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen.

Erste integrative Krippe in Celle

Als nächstes geht die Führung zu der ersten integrativen Krippe im Celler Stadtgebiet. Hier wird es aktuell zehn Kleinkindern ermöglicht, sich und ihre Kreativität in einem geschützten und liebevollen Umfeld zu entfalten und ohne hohe Erwartungen oder Zwang aufzuwachsen. Während ihres Aufenthaltes werden die Kinder von drei freundlichen Mitarbeitern betreut. Die Inneneinrichtung der Räumlichkeiten ist modern und bunt gestaltet und außerdem an die Bedürfnisse der Kinder, sowohl auch an die der Mitarbeiter angepasst. So ist zum Beispiel der Wickeltisch so gebaut, dass ein Mitarbeiter ohne Komplikationen eines der Kinder versorgen kann und dieses auch selbstständig wieder herunterkommt. Das Schönste an dieser Krippe ist, dass hier auch den Kleinsten eine Chance gegeben wird, sich von klein auf normal zu entwickeln und ihre Persönlichkeit auf ihre ganz eigene Art auszuleben und zu erweitern. Dadurch sind die Kinder glücklich, neugierig und besonders lebensfroh. Mit diesem Konzept wird bewiesen, dass auch Kleinkinder mit Einschränkungen genauso lernfähig sind wie andere Kinder und sich nicht groß von ihnen unterscheiden.

Comenius-Schule gliedert sich in acht Klassen

Neben der Betreuung der ganz Kleinen in der Krippe und im Kindergarten „Purzelbaum“ befindet sich dort für die Älteren eine Schule. Die Comenius-Schule stellte die letzte Station des Besuchs des Ministerpräsidenten Weil dar. Das Interesse war jedoch nicht nur auf Weils Seite, da es unter den 50 Schülern und Schülerinnen einige politisch Interessiere gab. Es war ein besonderer Moment für die Kinder und Jugendlichen, die Politik mal so hautnah mitzuerleben. Insgesamt gibt es acht verschiedene Klassen, in denen die körperlich und geistig beeinträchtigten Schüler gefördert und unterstützt werden. Durch diese Unterstützung können Einige genauso gut lernen wie die Schüler auf herkömmlichen Schulen. Bei diesem besonderen Prinzip, das an dem Motto des Landkreises „Niemand soll verloren gehen“ angelehnt ist ,kann beim Lernen besser auf die Kinder eingegangen werde. Sie werden nicht zum Außenseiter der Klasse, da sie „anders“ sind oder gehen in der Masse der Klasse unter, sondern werden in kleineren Klassen unterrichtet. So wird den Lehrkräften ermöglicht, auf die einzelnen Kinder einzugehen. Besonders wichtig ist der Schule die Zusammenarbeit mit der Grundschule Garßen, sowie den Berufsbildenden Schulen aus Celle, damit die Kinder und Jugendlichen trotz der speziell angepassten Schule integriert werden.

In der Förderklasse hält sich Weil lange auf

Stephan Weil nahm sich ein wenig mehr Zeit für die Schüler der Förderklasse. Dies ist eine Klasse, in der die Kinder nochmal mehr Unterstützung bekommen können und so nicht verloren gehen. Die Räumlichkeiten sind hier an die Beeinträchtigten angepasst, sodass sie in einer ruhigen, persönlichen und angenehmen Atmosphäre lernen können. Insgesamt werden in diese neuen Einrichtung die Kinder von klein auf begleitet und gefördert. Ihnen wir das Gefühl übermittelt, dazu zu gehören, wertvoll zu sein und trotz ihrer Beeinträchtigung eine Perspektive haben zu können.