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Blaulicht Alle Regler runter
Celle Blaulicht Alle Regler runter
14:57 13.06.2010
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Celle Stadt

An mein Autoradio kann ich einen USB-Stick anschließen und dann Musik oder Hörbücher aus meinem Computer hören. Ich finde es schön, Bücher vorgelesen zu bekommen, während mein Blick über die Landschaft schweift. Andere haben ein Handy mit Multimediatechnik und verwenden es für solche Zwecke. Zu Hause beim Hausputz drehe ich die Stereoanlage mit meinen Lieblingssongs voll auf. Wer am Haus vorbei geht, wird sich fragen, welche Party da im Gang ist. Morgens beim Frühstück höre ich Nachrichten aus dem Radio. Und wenn ich für das Familienfest eine Diaschau oder Präsentation erstelle, ist die Frage der Musikuntermalung eine der ersten und wichtigsten. Onkel Peters Urlaubsdias kamen früher noch ohne Musik aus; heute gehört Musik einfach dazu. Töne, Töne, Töne.

Manchmal wird mir das selber etwas unheimlich. Dann schalte ich alles aus. Kein Radio am frühen Morgen, Autofahrten ohne Hörbuch und nur mit Motorengeräusch, Briefe eintüten ohne Musik. Was in meinem Kopf vorgeht, wird dann viel lauter, und ich nehme es deutlicher wahr. Die Musik- und Sprachuntermalung des Alltags hat nämlich auch Schattenseiten. So sehr ich Musik und Sprache liebe: sie vertreiben meine Gedanken und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Manchmal will ich genau das. Aber manchmal stört es mich, und ich brauche Abstand.

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Mein Namensvetter, der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard (gest. 1855), hat eine ganz und gar ernüchternde Sicht auf die Welt gehabt. Er schreibt: „Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen! Bringe die Menschen zum Schweigen. Gottes Wort kann so nicht gehört werden. Und wenn es unter der Anwendung lärmender Mittel geräuschvoll herausgerufen wird, dass es selbst im Lärm gehört werde, so ist es nicht mehr Gottes Wort. Darum schaffe Schweigen!“

Verglichen mit unserer heutigen Welt war es zur Lebenszeit von Kierkegaard geradezu totenstill. Mangels technischer Möglichkeiten gab es im Alltag keine Musik, nur bei Festen oder in Gasthäusern. Die Hauptgeräusche waren Pferdefuhrwerke, singende Hausfrauen, der Lärm spielender Kinder und menschliche Unterhaltungen. Trotzdem empfand der Philosoph seine Zeit als geschwätzig und laut, jedenfalls als zu laut, um die leisen Töne Gottes vernehmen zu können. Würde Kierkegaard heute leben, ihm würde schier der Schädel platzen.

In Musikerkreisen gibt es das Sprichwort „Die Pausen machen die Musik“. Musik wird als besonders schön empfunden, wenn sie nicht als ununterbrochenes Hau-Drauf daher kommt, sondern wenn es leisere Passagen gibt, die aufhorchen lassen. Selbst in härtesten Rockstücken gibt es solche stilleren Phasen. Pausen machen die Musik. Diesen Grundsatz möchte ich für meinen gesamtem Konsum von Tönen verstehen. Mal muss es laut sein und scheppern, mal darf es zupfen und klingen, aber zwischendurch muss immer wieder absolute Stille sein. Ich möchte nicht verlernen, auf das zu lauschen, was in mir ist.

Ein gesegnetes Wochenende wünscht

Von Sören Bein