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Gericht Angeklagter fiel bereits durch Brandstiftung auf
Celle Gericht Angeklagter fiel bereits durch Brandstiftung auf
08:30 22.02.2019
Quelle: Philipp Schulze
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Unterlüß

„Kellerbrand Hermannsburger Straße in Unterlüß“, so lautete der Einsatzbefehl, der am 16. August vorigen Jahres um 2.34 Uhr Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr erreichte. Binnen weniger Minuten trafen die ersten Hilfskräfte an dem bereits völlig verqualmten Gebäude ein. Die Unterlüßer Brandschützer rammten mehrere Türen ein. In den Wohnungen zogen die Feuerwehrleute den Eingeschlossenen sogenannte Fluchthauben über das Gesicht und begleiteten sie ins Freie. Am Ende mussten vier Bewohner des Mehrfamilienhauses medizinisch versorgt werden, darunter mehrere Kleinkinder. Den Sachschaden bezifferte die Polizei später auf rund 10.000 Euro.

Ziel war Suizid

Hinter den dramatischen Ereignissen jener Augustnacht entwickelte sich ein Aktenzeichen des Landgerichts Lüneburg. Vor der 4. Großen Strafkammer geht es seit gestern um versuchten Mord, schwere Brandstiftung und gefährliche Körperverletzung in acht Fällen. Staatsanwältin Kristina Winter legt dem 24 Jahre alten Jan S. zur Last, sich in den Keller des Hauses geschlichen und mehrere Kartons entzündet zu haben. Wenig später kroch dicker schwarzer Qualm von unten durchs Treppenhaus. Die Vorgehensweise erfülle das Mordmerkmal der Heimtücke. Neun Tage später erneut ein Einsatz in der Hermannsburger Straße. Der Vater eines vierjährigen Kindes soll am Morgen des 25. August eine verwaiste Wohnung betreten haben, einen Stofffetzen entzündet und den Raum verlassen haben. Sein Ziel sei der eigene Suizid gewesen. Der Angeklagte habe in erheblich verminderter Schuldfähigkeit gehandelt, seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus sei zu bejahen. „Pyromane Impulse machen ihn für die Allgemeinheit gefährlich“, führte Winter aus.

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Ehefrau hatte eine Affäre

Der Angeklagte verweigert zu Prozessauftakt die Aussage. Verteidiger Sascha Bemlotte aus Gifhorn versucht die Anklageschrift ins Wanken zu bringen, um Pluspunkte für seinen Mandanten zu sammeln. Die Beweisaufnahme startet mit der Aussage der Ehefrau des Beschuldigten. Die 31-Jährige hielt sich in der Nacht zum 16. August bei ihrem neuen Partner auf, den sie zwei Wochen zuvor kennenlernte. Über WhatsApp erfuhr die Zeugin von dem Feuer. „Wir fuhren da schnell hin und versuchten Jan zu beruhigen, der stand am Fenster und war von Qualm eingeschlossen. Er rief zu uns herunter, dass er die Nachbarn aufgeweckt habe.“ Das ist juristischer Schmierstoff für Schwurgerichts-Chef Franz Kompisch, der seine Aggregate hochfährt. „Also mal ehrlich, wenn es brennt geht man doch nicht in die Wohnung zurück, sondern ergreift die Flucht“, echauffierte sich der Richter. Sabrina S. überlegt. „Er wollte sich vielleicht umbringen.“ Sie hofft, durch die zu Protokoll gereichte Aussage, die Verfahrensbeteiligten zu besänftigen. Auf die 31-Jährige prescht ein Potpourri von Anfragen ein, mit dem Ziel, eine Reihe von intimen Details preiszugeben. Die Verkäuferin sitzt in der Falle und plaudert. S. lernte sie im Dezember 2014 kennen, beide heirateten, wurden Eltern. „Alles verlief glücklich, bis ich die Affäre anfing.“ Am 18. August bestätigte sie dem Gatten die Liaison zu einem anderen Mann. „In seinem Gesicht sah ich Traurigkeit.“

Knapp vorbei an riesiger Katastrophe

In dieser eigenartigen Beziehung fiel noch etwas auf: In zahlreichen Chats wurde der Tatverdächtige von seiner Ehefrau regelrecht erniedrigt. Damit nicht genug. Kurz vor dem zweiten Feuer schrieb sie ihn an und bat, den vergessenen Eistee an der Gartenlaube des Liebhabers abzugeben. Der 24-Jährige erschien wenig später mit dem Getränk. Was löste dieses Zusammentreffen im Innersten aus? Ist Sabrina S. sogar ein Stück weit mitverantwortlich? Die Frau wusste, dass Jan S. bei Stress schnell zum Streichholz greift und deshalb vor etlichen Jahren mit Strafverfolgungsbehörden zu tun hatte. Ein Brandgutachter offenbart, dass die Bewohner knapp an einer Katastrophe vorbeischrammten. „Wäre die Feuerwehr nur drei Minuten später eingetroffen, hätten die Flammen auf die hölzerne Treppe übergegriffen und das Gebäude hätte im Nu im Vollbrand gestanden“.

Bis Ende März müssen über zwanzig Zeugen aussagen. Der Prozess geht am 28. Februar weiter.

Von Benjamin Reimers