Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Aus dem Landkreis So sehen die blühenden Landschaften in Celle aus
Celler Land Aus dem Landkreis So sehen die blühenden Landschaften in Celle aus
14:46 26.07.2019
Manche Blumen auf Christopher Kortes Blühfläche zwischen Bostel und Garßen sind so hoch wie die Bäume, zwischen denen sie sich im heißen Wind wiegen. „Wir haben hier junge Roteichen angepflanzt, und solange die noch so klein sind, dass ich fast drüber weg gucken kann, können dazwischen gut Wildkräuter gedeihen“, sagt Korte, dessen Mini-Wald ein Dorado für Insekten ist. Ein Mitarbeiter in seiner Tischlerei habe ihn darauf gebracht und das „Celle blüht auf“-Saatgut auch gleich ausgebracht, denn das Hobby des Mitarbeiters ist Treckerfahren, so Korte: „Hier kann man mal wieder sehen, dass man sich auf Ideen guter Leute verlassen kann. Unsere Wiese ist nicht nur was fürs Auge, sondern auch nachhaltig und gut für Tiere und Pflanzen. Was will man mehr?“ Korte denkt kurz nach: „Wasser. Mehr Regen – das wäre gut.“ Quelle: Maren Schulze
Celle

Nicht umsonst heißt das Saatgut, das im Rahmen der CZ-Artenschutzaktion „Celle blüht auf“ verteilt wird, „Blühende Landschaft“. Denn dort, wo die speziell für den norddeutschen Raum ausgesuchten Pflanzensamen auf den Boden fallen, sprießt Leben, das aus Gärten, Parks und auch aus der freien Landschaft vielerorts schon lange verschwunden ist.

Er ist einer der vielen Waidmänner, die in ihren Revieren in Wald und Flur nicht nur ans Jagen, sondern auch an den Artenschutz denken und etwas dafür tun: Detlef Riedel hat in seinem Jagdbezirk im Neustädter Holz nicht gekleckert, sondern geklotzt. „Da steckt 'ne Menge Arbeit drin“, sagt der passionierte Grünrock. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Auf insgesamt 2,5 Hektar tummeln sich nicht nur ungezählte Insekten, sondern auch größere Tiere. Riedel: „Hasen und Rehe sieht man hier jeden Tag. Die lieben diese Wiese.“ Quelle: Maren Schulze

Die CZ-Redakteure Michael Ende und Maren Schulze haben eine kleine Rundreise zu „Celle blüht auf“-Flächen im Landkreis unternommen – und gesehen, dass die biologische Vielfalt, die Ziel der Aktion ist, gleich auf mehrfache Weise erreicht wird. Je nach Standort variiert das Aussehen der Blumenwiesen ganz erheblich.

Tod und Leben gehören zusammen. Deutlich wird das zum Beispiel auf dem Groß Hehlener Friedhof. Hier gibt es neben konventionell gepflegten Gräbern und Rabatten auch „wilde“ Flächen wie eine Streuobstwiese sowie ein mächtiges Insektenhotel. Neu hinzugekommen ist in diesem Frühjahr eine „Celle blüht auf“-Wiese, auf der jetzt gerade Buchweizen und Phacelia blühen. Ein eigens mit seinen Bienenvölkern angewanderter Imker freut sich über die reiche Sommerhonig-Ernte. Quelle: Maren Schulze

Keine gleicht der anderen. Und das, obwohl in allen von ihnen dasselbe Potenzial steckt. Die Beschaffenheit des Bodens und die Wasserversorgung sind die entscheidenden Faktoren für die Entwicklung der Flächen. Auf trockenen, sandigen Standorten sieht die Blühmischung ganz anders aus als auf saftigen Böden zum Beispiel an Bächen und Flüssen.

Dass die Blühmischung der CZ nicht nur fürs norddeutsche Flachland geeignet ist, sondern auch in abgelegenen Bergregionen floriert, haben Klaus Kahlert und seine Kollegen vom Abfallsweckverband auf der Deponie bei Höfer ausprobiert. Dort blühen Wildkräuter auf 4500 Quadratmetern am Fuße des ständig wachsenden Müll-Berges. „Jede noch so kleine Blüh-Ecke zählt. Leider ist es sehr trocken“, sagt Kahlert. Bis das Abfall-Gebirge so hoch ist, dass Wolken an seinen Hängen abregnen, dürfte noch einige Zeit vergehen. Quelle: Maren Schulze

Doch auch wenn zum Beispiel dröge Wiesen für das menschliche Auge noch so mickrig aussehen mögen: Für die Tierwelt sind sie allemal besser als Rasen, Maismonokultur oder gar Schotter. Wer seiner Blühwiese zusätzliche Schubkraft geben will, sollte das höchstens mit Wasser und keinesfalls mit Dünger versuchen. Denn durch Dünger gewinnen schnell Gräser, die sich ohne menschliches Zutun ohnehin irgendwann durchsetzen würden, besonders schnell die Oberhand. Und dann versinkt der Blütentraum in grünen Halmen – auch immer noch besser als steriler Baumarkt-Rasen, aber längst nicht so artenvielfältig wie die Blüh-Landschaft.

Eine neue Art hat Helge John auf seiner 10.000 Quadratmeter großen Blühfläche an den Aschauteichen bei Eschede entdeckt: die Hobbit-Sonnenblume. Sie ist ausgewachsen nur rund 15 Zentimeter hoch. „Durch die Trockenheit neigen manche Pflanzen zum Zwergwuchs“, sagt John. Doch auch das, was für den Menschen eventuell missraten aussehe, erfülle seinen Zweck: „Die Insekten freuen sich drüber. Und man muss sich wundern, dass bei dieser Dürre überhaupt was wächst.“ Quelle: Maren Schulze

Derzeit kann man auf den „Celle blüht auf“-Flächen unter anderem Kornblumen, Sonnenblumen, Ackersenf, Saat-Wicken, Wilde Möhren, Königskerzen, Inkarnatklee, Phacelia, Klatschmohn, Schafgarbe, Buchweizen, Raps, Margeriten, Rainfarn, Ringelblumen, Roten Lein und Färber-Waid beobachten.

Rheinmetall-Förster Rüdiger Quast hat eine ganze Vielzahl kleiner Blühflächen angelegt. „Das ist ein ökologischer Mosaikstein von vielen“, sagt Quast, der in Unterlüß ausgedehnte Wald- und Heideflächen betreut. Hier gibt es Natur wie aus dem Bilderbuch – ein Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit von Quast und seinen Kollegen. Eine Blühflächen-Erkenntnis: Rotwild frisst gerne Sonnenblumen ratzekahl ab. Quelle: Maren Schulze

Und wer sich nur einen kleinen Moment Zeit nimmt, um genauer hinzuschauen, der wird sehr schnell feststellen, dass es auf ihnen summt, flattert, zirpt und brummt. Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge stürzen sich geradezu auf die Blütenpracht, die für sie jeweils eine Oase in einer lebensunfreundlichen Umgebung darstellt.

Wenn man sich mit Holger Kopke, der inmitten seiner Blühfläche steht, unterhalten möchte, dann sollte man es mit Handzeichen versuchen. Denn das Zirpen der Grashüpfer ist dermaßen laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Kopke, der im Hermannsburger Rathaus als Bauhofleiter auch für die Grünflächen zuständig ist, hat am Ortsausgang einen 400 mal 20 Meter großen Blühstreifen anlegen lassen, dessen Pflanzen mannshoch gewachsen sind. Kopke: „Das funktioniert wunderbar!“ Quelle: Maren Schulze

Die Rundreise hat auch gezeigt, dass es Flächen gibt, die nur so aussehen, als seien sie extra angelegt worden, obwohl hier kein Mensch etwas getan hat. Wo der Boden in Ruhe gelassen wird, geht in ihm die Saat auf, die von Natur aus in ihm steckt. Das Resultat ist oft beeindruckend. So produktiv kann Nichtstun sein.

Dass auch Landwirte sich um den Artenschutz kümmern, dafür ist Heinrich Timme ein Beweis. Als stellvertretender Ortsbürgermeister von Nindorf zeigt er die Flächen, die auf Initiative des Ortsrates rings um Nindorf herum an Feldrändern angelegt wurden. So wurde ein Netz von Öko-Nischen geschaffen. „Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich dieselbe Saatmischung je nach den Bodengegebenheiten entwickelt“, sagt Timme, dem die Aktion Spaß macht: „Im nächsten Jahr werden wir noch mehr Blühflächen anlegen.“ Quelle: Maren Schulze

Wer jetzt auch Lust bekommen hat, aktiv zu werden und eine Blühwiese anzulegen, kann dies immer noch tun: Die mehrjährige Spätsommeraussaat der „Blühenden Landschaft“, die noch bis Mitte August in die Erde gebracht werden kann,
gibt es für eine Fläche von 25 Quadratmetern gegen eine Schutzgebühr von 1 Euro im CZ-Kundencenter an der Bahnhofstraße – solange der Vorrat reicht.

Vom Neustädter Holz über Groß Hehlen, Bostel, Höfer, Aschauteiche, Unterlüß, Hermannsburg nach Nindorf führte die "Celle blüht auf"-Sommertour.