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Aus dem Landkreis Haesler baute auch an Celles Carstensstraße und in Höfer
Celler Land Aus dem Landkreis Haesler baute auch an Celles Carstensstraße und in Höfer
16:57 06.08.2018
Quelle: Oliver Knoblich
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Celle-Landkreis

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war geprägt durch Hunger, Wohnungsnot und Mangel an allem, natürlich auch an Baustoffen. Besonders für die ärmeren Bevölkerungsschichten fehlten bezahlbare Kleinwohnungen. Diese Situation bestand schon vor und während des Krieges, verschärfte sich jedoch nach Ende des Ersten Weltkrieges deutlich. Ein eigenes Bett war bei Arbeiter- und Handwerkerfamilien nicht üblich. In einem Bett schliefen oft zwei und mehr Personen. Schlafgänger nannte man Nachtarbeiter, die tagsüber das frei gewordene Bett eines anderen nutzten. Ställe, Keller und Verschläge dienten als Notunterkünfte.

Das Baugewerbe litt ebenfalls unter der Situation, da es kaum Bauaufträge gab. Otto Haesler, der 1916 als Soldat eine Gasvergiftung erlitt, kam bereits 1917 nach Celle zurück, da er nicht mehr einsatztauglich war. Auf Grund der akuten Wohnungsnot in Celle beschloss die Städtische Baukommission Mitte des Jahres 1917 den Bau von 32 Kleinwohnhäuser auf dem städtischen Gelände im Heesegebiet und beauftragte den Kriegsheimkehrer Haesler mit der Planung und Bauleitung.

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Haesler selbst schrieb in seinem Buch „Mein Lebenswerk als Architekt“: „Die Katastrophe des ersten Weltkrieges wirkte sich auch auf dem Gebiet der Baukunst verheerend aus. Alle Arbeiten ruhten, und viele Jahre nach seiner Beendigung trugen wir schwer unter seinen unmittelbaren Auswirkungen. Die Bauverhältnisse waren denkbar ungünstig, an Baumaterialien herrschte größter Mangel.“

Daher konnten auch die Reihenhäuser im Heesegebiet erst 1919 realisiert werden. Entstanden sind einfache kleine Häuser mit Stube, Küche zwei oder drei Schlafkammern, einem Stall und Abort. Bei der Planung der Siedlung hatte der Aspekt der Selbstversorgung hohe Priorität, da die Löhne der unteren Schichten nicht für die Ernährung der Familien reichten. Die Grundstücke waren jeweils ungefähr 400 Quadratmeter groß. Hier wuchsen Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Schwarzwurzeln, rote Beete und natürlich Beerensträucher sowie Obstbäume. Viele Familien hielten ein Schwein, Hühner oder Kaninchen. Sofort nach der Fertigstellung veräußerte die Stadt Celler die Häuser. Die Interessenten mussten vom Gesamtpreis von 8500 oder 10.000 Mark mindestens 1500 beziehungsweise 2000 Mark anzahlen.

SCHNELL, BILLIG UND ANSPRECHEND

Ein Jahr später erhielt das Büro Haesler einen ähnlichen Auftrag von der Bergbaugesellschaft Maria-glück aus Höfer. Bereits im Jahr 1920 arbeiteten über 250 Menschen im Bergbau. Seit Beginn der Bergbauarbeiten im Jahr 1910 herrschte ein akuter Mangel an Wohnungen für die Bergbauarbeiter und ihre Familien. „1920 erhielt ich den Auftrag, eine Bergmannssiedlung zu bauen. Damals bestanden noch Schwierigkeiten in der Beschaffung von Baumaterialien“, beschrieb Haesler die Situation in seinem Buch. „Ich half mir, indem ich die Trockenschuppen einer stillgelegten Ziegelei unter Beibehaltung ihrer Konstruktion für die neue Siedlung verwandte und ausbaute. So entstand schnell, billig und ansprechend die Bergmannssiedlung Mariaglück.“

Die Trockenschuppen bestanden aus einer offenen Fachwerkkonstruktion und einem Dach. Das Fachwerk wurde ausgemauert und von außen mit einer Verschalung aus Holz versehen. Es sind 2 Doppelhäuser, 2 Bauten mit jeweils 4 Reihenhäusern und ein langer Block mit 8 Wohneinheiten, also insgesamt 20 Werkswohnungen an der Hauptstraße 41 bis 79 in der Nähe des Schachteingangs entstanden. Die robusten Hauseingangstüren mit den Glasoberlichtern vermittelten zusammen mit der Holzfassade und den großen Sprossenfenstern im Erdgeschoss einen bodenständigen und soliden Eindruck. Die Krüppelwalmdächer waren vermutlich der dörflichen Umgebung geschuldet.

Auf der Rückseite der Reihenhäuser befanden sich die angebauten Stallgebäude. Zu jeder Wohnung gehörte ein großer Garten, der von den Familien für Ackerbau und Viehhaltung für den Eigenbedarf genutzt wurden. In den Ställen waren zudem die Waschkessel untergebracht, und hier haben sich auch die Hausbewohner gewaschen. Die Bergmänner duschten täglich im Bergwerk nach der Schicht. Und für den Rest der Familie erwärmte man am Wochenende Wasser im Waschkessel, füllte es in eine Zinkbadewanne, die dann für ein Sitzbad bereitstand.

Der Ortsbürgermeister von Höfer, Michael Cruse, wurde 1956 in der Haesler-Siedlung in Höfer geboren. „Mein Vater hat auf dem Bergwerk gearbeitet und meine Eltern und ich wohnten gemeinsam mit meiner Großmutter in einem der Häuser“, erläutert Michael Cruse. „Unten war die Küche sowie die Wohnstube und oben die kleinen Schlafkammern. Meine Eltern erhielten 1959 eine größere Werkswohnung, doch ich war als Kind oft in den Haesler-Häusern unterwegs. Ich erinnere mich an eine Familie, die mit fünf Kindern in einem der Häuser lebte. – Da wurden die Hausaufgaben am Küchentisch gemacht.“

In den 60er Jahren ließ die Bergwerksleitung die alten Waschküchen entfernen und stattdessen kleine Badezimmer einbauen. Nach Beendigung der Salzförderung im Schacht Mariaglück im Jahr 1977 wurden die Reihenhäuser verkauft, zumeist an die bisherigen Mieter. Die Häuser wurden von den Eigentümern im Laufe der Jahre stark verändert: neue Fassaden, Fenster, Zäune, Haustüren und Eingangsbereiche. Auf der Gartenseite wurde lebhaft angebaut, die ehemaligen Stallgebäude zum größten Teil abgerissen oder in weitere Anbauten irgendwie integriert.

„Es bestehen durchaus Überlegungen, ein Haus wieder in den Originalzustand zu versetzen“, macht Michael Cruse deutlich. „Doch ist es schwierig, an die alten Ausstattungsgegenstände beispielsweise im Hinblick auf die Waschküche heranzukommen.“

WILLKOMMEN IM PARADIES

Als Otto Haesler 1919 die Kleinwohnhaussiedlung an der Carstenstraße errichtete, handelte es sich um ein Areal am äußersten Stadtrand. In den 30er Jahren und auch nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden viele Wohnhäuser im Heesegebiet. Es ging damals darum, zweckmäßigen und preisgünstigen Wohnraum zu schaffen, so dass die Heese sich zum dicht besiedelsten Stadtteil entwickelte. Die Wohngegend hat sich heute zu einem lebendigen Ortsteil gemausert. Diverse Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Apotheke, Sparkasse, Bücherei, Post und viele Schulen sind zu Fuß zu erreichen. Die Nähe zum Bahnhof macht die Heese für Pendler attraktiv.

An der Grundform der kleinen Bauten hat sich von der Vorderansicht nicht viel geändert: eingeschossige Reihenhäuser mit den Traufseiten zur Straße. Im Dachgeschoss befindet sich eine Dachgaube je nach Haustyp entweder mit zwei oder vier kleinen Fenstern. Die Fassaden- sowie die Gestaltung der Hauseingänge stellt sich ganz unterschiedlich dar. In ein Haus ziehen gerade junge Leute ein, schräg gegenüber wird ein Dach erneuert.

Werner Deich kennt sein jetziges Haus sein Leben lang. So hat er die ersten Lebensjahre von 1943 bis ungefähr 1950 in dem Haus verbracht. Damals wohnten hier drei Familien. Acht Jahre später hat der Vater das Haus geerbt. Familie Deich zog nun allein ein, Sohn Werner war allerdings schon fort zur Ausbildung. „Da gab es noch das Plumpsklo am Ende des Stalls“, erinnert sich Werner Deich. „Es gab zwar einen Wasseranschluss im Haus, aber keine Kanalisation. Das Brauchwasser musste aufgehoben und mit Eimern in den Garten getragen werden.“ Heute ist die Haustechnik auf einem modernen Stand. Waschküche und Plumpsklo sind lange verschwunden.

Stattdessen gibt es einen Wintergarten und einen überdachten Freisitz. Denn das kleine Haus verfügt auf der Hinterseite über einen schönen Garten in absolut ruhiger Lage mit Teich, Rasen und herrlichen Blumen- und Staudenbeeten.

„Damit rechnet von vorn keiner“, sagt Werner Deich lachend. „Das ist unser Paradies!“

Von Petra Senftleben