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Aus dem Landkreis Diabetiker-Warnhund erschnüffelt Unterzuckerung
Celler Land Aus dem Landkreis Diabetiker-Warnhund erschnüffelt Unterzuckerung
06:00 14.05.2019
Von Marie Nehrenberg
Der vierjährige Benni weiß ganz genau, wann sein Frauchen ihn braucht. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Ein großer Wäscheberg liegt mitten im Wohnzimmer von Familie Strobl. Irgendwo zwischen Hosen und Shirts steckt Hund Benni, der sich aufgeregt durch die einzelnen Kleidungsstücke schnüffelt. Die meisten interessieren ihn nicht und werden links liegen gelassen. Bis er ein Tuch von Marie findet. Er fängt laut an zu bellen und lässt sein Fundstück nicht mehr aus den Augen. "Gut gemacht!", lobt ihn die 18-Jährige und streicht ihm behutsam übers Fell. Der Wäscheberg kann für heute wieder zurück in den Wäschekorb wandern.

Ausgebildeter Diabetiker-Warnhund

Marie und Benni sind ein gutes Team. Der Rüde vermittelt der 18-Jährigen ein Gefühl von Sicherheit. Quelle: Oliver Knoblich

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein lustiges Spiel, hat einen lebenswichtigen Hintergrund. Kooikerhondje-Rüde Benni trainiert für den Ernstfall, denn er ist ein ausgebildeter Diabetiker-Warnhund. Marie ist gerade erst sieben Jahre alt, als sie die niederschmetternde Diagnose Diabetes erhält. "Das war ein riesengroßer Schock", erinnert sich ihre Mutter Monika. "Wir hatten von heute auf morgen das Gefühl, dass wir unsere Tochter nicht mehr eine Sekunde aus den Augen lassen können." Noch während sich die Familie mit der neuen Situation zu arrangieren versucht, sieht Marie im Fernsehen eine Reportage über einen Diabetiker-Warnhund und ist Feuer und Flamme. "Ich wollte eh gerne einen Hund haben und das war dann natürlich ein super Argument", erzählt sie lachend.

Anzeigen einer Unterzuckerung

Da Maries Eltern vermutlich alles versuchen würden, um ihrer Tochter das Leben zu erleichtern, beginnt im Anschluss die Recherche. Einen gut ausgeprägten Geruchssinn muss der Hund haben, das ist das wohl wichtigste Kriterium. Die Wahl fällt nach reiflicher Überlegung auf den Cockapoo Kalle. Marie und ihre Mutter begeben sich mit dem neuen Familienmitglied jedes Wochenende nach Dresden, wo der Rüde lernen soll, wie er auf Maries Krankheit reagieren muss. "Als erstes lernen die Tiere das Anzeigen vom Unterzucker", erklärt Monika Strobl. Bei einer Unterzuckerung würden besondere Duftstoffe im Körper freigesetzt, die der Hund mit seiner feinen Nase wahrnehmen kann. Sobald dieser Fall eintritt, muss das Tier reagieren und mit lautem, unaufhörlichen Bellen auf die Situation aufmerksam machen. "Gerade bei Kindern, die ihren Körper oftmals noch nicht so gut einschätzen können, hilft das, die Unterzuckerung schnell zu erkennen", weiß Strobl aus Erfahrung. Trainieren kann man das am besten mit Kleidungsstücken, denn an denen bleibt der Geruch eine ganze Weile haften. "Damit hätten wir auch die Erklärung für den Wäscheberg mitten im Wohnzimmer."

Unter vielen Kleidungsstücken findet der Rüde das Teil, welches Marie bei einer Unterzuckerung trug. Quelle: Oliver Knoblich

Mutter bildet nun selbst aus

Im zweiten Schritt der Ausbildung soll der Vierbeiner dann lernen, auf die Notsituation zu reagieren. "Man kann ihm dann zum Beispiel beibringen, das Messgerät oder Traubenzucker zu holen", berichtet Marie. "Außerdem muss er lernen, auf Kommando Türen zu öffnen oder das Licht anzumachen." Der damalige Familienhund Kalle absolviert all diese Aufgaben mit Bravour. "Als er dann das erste Mal richtig angezeigt hat, war das ein ganz besonderer Moment." Auch für Mama Monika. "Natürlich gibt es einem dann auch ein Stückchen Sicherheit zurück." Das ist dann auch ein Grund dafür, dass sie beschließt, in Zukunft selbst als Ausbilderin für Diabetiker-Warnhunde zu arbeiten. Sie absolviert die eineinhalbjährige Ausbildung und eröffnet im Anschluss ihre eigene Spezial-Hundeschule in Celle. "Dadurch, dass ich die Krankheit so gut kenne, kann ich mich auf andere Diabetiker und ihre Ängste und Sorgen einlassen", sagt Monika Strobl. Natürlich könne der Hund keine Sensoren und Messgeräte ersetzen, aber "er lässt Betroffene häufig ruhiger schlafen".#

Begleithund mit Zusatzqualifikation

Inzwischen hat Marie schon ihren zweiten ausgebildeten Assistenzhund. "Kalle wurde leider nur vier Jahre alt und starb ganz plötzlich", erzählt sie traurig. Eineinhalb Jahre später zieht dann Welpe Benni ein und besteht seine Ausbildung ebenso vorbildlich wie sein Vorgänger. Seitdem trägt er ein Geschirr, welches ihn offiziell als Diabetikerhund auszeichnet. Neben der lebensbedrohlichen Unterzuckerung zeigt der Rüde auch an, wenn der Blutzucker-Wert zu hoch ist. "Ab einem Wert von 180 fängt er auch automatisch an zu bellen", verrät Marie. "Manchmal bin ich dann kurzzeitig genervt, wenn er anschlägt und ich eigentlich das Gefühl habe, dass gerade alles in Ordnung ist. Dann muss ich messen und merke doch jedesmal, dass Benni ja Recht hat."

Das Messgerät holen zählt zu Bennis leichtesten Übungen. Quelle: Oliver Knoblich

Vierbeiner macht Erkrankung erträglicher

Generell macht Benni das Leben mit der Krankheit für die ganze Familie ein Stück weit erträglicher. "Natürlich ist das Messen an sich doof, aber wenn Benni dann um die Ecke kommt mit dem Messgerät in der Schnauze, dann ist es irgendwie doch gar nicht so schlimm", berichtet Marie strahlend. Durch das tägliche Training baue man außerdem eine sehr intensive Bindung zu seinem Haustier auf. Normalerweise ist ein Assistenzhund nur auf den Geruch einer Person trainiert, doch Benni hat noch eine Zusatzqualifikation. "Seit Maries Bruder Maximilian mit 15 ebenfalls an Diabetes erkrankt ist, kann er sich aber auch auf ihn verlassen", erklärt Mama Monika nicht ohne Stolz. "Er ist eben ein Rettungsanker für die ganze Familie."

Im Landkreis gibt es noch einige Rettungshund-Kollegen:

In der DLRG-Ortsgruppe Celle taucht seit kurzem der flauschige Neufundländer Joschi auf. Er soll in Zukunft stärker in die Arbeit der Ehrenamtlichen eingebunden werden. Kein Rettungshund, sondern ein Assistenzhund ist Spencer. Er soll zum Autismusbegleithund ausgebildet werden. An der Braunschweiger Heerstraße trainiert der Celler Verein für deutsche Schäferhunde regelmäßig die Trümmer- und Flächensuche.

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