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Aus dem Landkreis Igel durch Mähroboter in großer Gefahr
Celler Land Aus dem Landkreis

Schlimme Verstümmelungen: Igel in Celle durch Mähroboter in großer Gefahr

16:10 15.06.2020
Von Andreas Babel
Dieser verletzte Igel wurde in Meißendorf eingeliefert. Er war so schwer verletzt, dass er eingeschläfert werden musste. Quelle: Anne Melchior
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Celle

Wer an den ersten lauen Frühsommerabenden still im Garten sitzt und den Geräuschen der Nacht lauscht, kann sie keckern und fauchen oder schmatzend und schnaufend im Gebüsch rascheln hören: Die Igel haben nach rund fünfmonatigem Winterschlaf ihre geschützten Winterquartiere verlassen und durchstreifen auf der Suche nach Laufkäfern, Ohrwürmern, Nacktschnecken, Regenwürmern und Raupen ihr Revier.

Igel ist Kulturfolger geworden

Durch den zunehmenden Verlust ihrer ursprünglichen Habitate in einer reich gegliederten, vielfältigen Feldflur mit Hecken, Gehölzen, Wegsäumen, Staudendickichten und artenreichen Magerwiesen sind die stacheligen Säugetiere zu einem typischen Kulturfolger geworden, der heute in menschlichen Siedlungen wohnt.

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Verkehr und Einheitsgrün bedrohen Igel

Hier macht ihnen vor allem die Zerschneidung ihres Lebensraumes durch ein dichtes Straßennetz zu schaffen: Alljährlich werden etwa eine halbe Million Igel von Autos überrollt. Schottergärten und stark gepflegtes Einheitsgrün gefährden den Igel, weil er weder ausreichend Nahrung noch geeignete Versteckmöglichkeiten sowie Schlaf- und Nestplätze in Hecken, Sträuchern, hohlen Bäumen, Reisig- und Laubhaufen findet.

Viele Gefahrenquellen im Garten

Mit dem stetig steigenden Gebrauch von motorisierten Gartengeräten wie Freischneidern, Fadenmähern, Motorsensen und Mährobotern sind die beliebten Insektenfresser einer weiteren Gefahrenquelle ausgesetzt. Dabei wird den Stachelrittern eine Jahrtausende alte Verteidigungsstrategie zum Verhängnis: Bei Gefahr rollen sich die Tiere zu einer regungslosen Stachelkugel ein, so dass Gesicht, Bauch und Gliedmaßen verborgen und durch die nadelspitzen, starr aufgerichteten Stacheln geschützt sind. So können sie zwar Fressfeinde wie Marder, Iltis, Fuchs und Dachs erfolgreich abwehren, haben jedoch gegen motorisierte Gartengeräte keine Chance.

Schlimme Verletzungen

Tierschützer verzeichnen immer mehr Igel mit typischen Verletzungsmustern. „Die Tiere weisen tiefe Schnittwunden im Rückenbereich auf, manchmal sind sogar größere Flächen freigelegt“, beschreibt Karolin Schütte von der Wildtier- und Artenschutzstation in Sachsenhagen die Verletzungen ihrer Patienten. „Häufig sind die Wunden bereits entzündet oder von Maden befallen“, ergänzt die Tierärztin und schätzt, dass rund ein Drittel der eingelieferten Tiere so schwer verletzt sind, dass sie sofort eingeschläfert müssen. Ein weiteres Drittel verstirbt trotz Behandlung und intensiver Pflege.

Mähroboter nie nachts laufen lassen

Auch Mähroboter gehören zu den neuen Feinden der Igel. Die Geräte machen Blühpflanzen, Insekten, Spinnen, Schnecken, Amphibien, Reptilien und kleinen Säugetieren den Garaus. Obwohl die Hersteller in den Bedienungsanleitungen darauf hinweisen, dass Mähroboter möglichst tagsüber und unter Aufsicht arbeiten sollen, sind die autonomen Geräte oft nachts unterwegs. Dann tragen sie nicht nur zur Verringerung der Artenvielfalt bei, sondern gefährden auch nachtaktive Tiere, die auf Nahrungssuche über den Rasen stromern. „Verletzungen durch Mähroboter sind besonders grausam“, weiß Anne Melchior von der Igelstation Meißendorf, die seit vielen Jahren kranke und verletzte Igel aufnimmt und pflegt, bis sie wieder in die Freiheit entlassen werden können. „Eines der Roboteropfer wurde regelrecht skalpiert“, berichtet die erfahrene Tierschützerin. „Da der zertrümmerte Kiefer nicht zu reparieren war, konnte er nur von seinem Leid erlöst werden.“

Auf naturnahen Garten setzen

Um Igel, Jungvögel und andere Gartenbewohner nicht zu gefährden, empfiehlt der Naturschutzbund Heidekreis, am besten gänzlich auf den Einsatz von Mährobotern, Freischneidern & Co zu verzichten und mehr Wildnis im eigenen Umfeld zu wagen. Giftfreie, naturbelassene Gärten mit heimischen Büschen und Hecken, Blühwiesen und Laubhaufen helfen nicht nur Igeln, sondern tragen generell zum Erhalt der Artenvielfalt bei.

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