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Aus dem Landkreis Das sagt der Gedenkstätten-Chef zur Ehrhorn-Rede
Celler Land Aus dem Landkreis Das sagt der Gedenkstätten-Chef zur Ehrhorn-Rede
06:00 12.04.2019
Von Simon Ziegler
Gedenkstätten-Leiter Jens-Christian Wagner. Quelle: Holger Hollemann
Celle

Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, ordnet die Rede des AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Ehrhorn zu NS-Opfern als "skandalös" ein. Die Ausführungen von Ehrhorn "zu den angeblich schwerkriminellen und asozialen Häftlingen sind wissenschaftlich nicht haltbar und ethisch-politisch ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen und Überlebenden", so Wagner gegenüber der CZ. Seine Stiftung ist Trägerin der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

"Ehrhorn pauschalisiert selbst"

Zwar habe Ehrhorn recht, dass man auf Grautöne schauen müsse. "Doch dann pauschalisiert er selbst und reproduziert die Kriminalisierungsdiskurse der Nazis, die KZ-Häftlinge als gefährliche Straftäter darstellten. Insgesamt zeigt die Rede eine erschreckende Unkenntnis der Forschung zu den von den Nazis als 'kriminell' oder 'asozial' Verfolgten wie überhaupt zur NS-Justiz und zum Sozialrassismus der Nationalsozialisten", sagt Wagner. Ehrhorn reproduziere NS-Ideologie, schrieb er bei Twitter.

Die Gedenkstätte in Bergen-Belsen. Quelle: Peter Müller (Archiv)

Überstellung ins KZ war immer Unrecht

Die Überstellung in ein KZ sei nie aufgrund eines richterlichen Urteils erfolgt, sei also immer Unrecht gewesen – egal, welche Vergehen den Menschen vorgeworfen wurden, erläutert Wagner. "Sogenannte 'Berufsverbrecher' wurden bis 1942 nach der Verbüßung ihrer Gefängnisstrafe ins KZ überstellt. Das änderte sich 1942. Nun wurden sie auch noch während der Verbüßung in die Lager überstellt – zur 'Vernichtung durch Arbeit'. Vieler dieser Verurteilten kamen 1943 in das KZ Buchenwald und dann weiter ins KZ Mittelbau-Dora. Dort litten sie im Vergleich zu anderen Häftlingsgruppen unter der mit Abstand höchsten Todesrate. Mehr als die Hälfte von ihnen starb innerhalb weniger Monate. Die anderen waren im Frühjahr 1944 derart ausgezehrt, dass sie als arbeitsunfähig in das KZ Bergen-Belsen abgeschoben wurden, wo fast alle von ihnen starben", fasst Wagner den Forschungsstand zusammen.

Kapos in existenziellem Dilemma

Auch Ehrhorns Äußerungen zu Kapos – also Funktionshäftlingen, die andere Häftlinge beaufsichtigten – seien nicht haltbar. "In jedem Fall waren Funktionshäftlinge in einem existenziellen Dilemma zwischen Widerstand und Kollaboration mit der SS: Wenn sie die Befehle der SS nicht befolgten, drohte ihnen selbst der Tod. Ich möchte mir im Unterschied zu Herrn Ehrhorn nicht anmaßen, angesichts dieser existenziellen Bedrohung und der im KZ aufgelösten moralischen Normen das Verhalten von Kapos zu verurteilen", sagt Wagner.

Erhielt ebenfalls die Note "gut": Thomas Ehrhorn (AfD). Quelle: David Borghoff

"Auch Verbrechen an Verbrechern sind Verbrechen"

Er fasst zusammen: "Auch Verbrechen an Verbrechern sind Verbrechen. Deshalb bin ich uneingeschränkt für die Rehabilitierung der Menschen, die von den Nazis als 'Kriminelle' und 'Asoziale' verfolgt und vielfach ermordet wurden", so Wagner. Entsprechend habe er sich im Mai 2017 als Sachverständiger zu dem Thema in einer Anhörung des Kulturausschusses des Bundestages geäußert. Wagner wirft dem AfD-Abgeordneten eine Verdrehung der Tatsachen vor. "Er behauptet, die 'kriminellen' Häftlinge seien 'die Spitze der Hierarchie der Schinder und Peiniger' gewesen. Ich dachte eigentlich, dass sei die SS gewesen. So etwas nennt man Schuldumkehr, so wie es auch Schuldumkehr ist, wenn man erst im Bundestag mit einer skandalösen Rede NS-Opfer beleidigt und sich dann nach der berechtigten Kritik der Öffentlichkeit als Opfer linker Medien darstellt", erklärt der Gedenkstätten-Geschäftsführer.

Vorwurf: Relativierung von NS-Verbrechen

Ehrhorn hatte vergangene Woche im Bundestag zu einem Antrag der Grünen gesprochen, in dem es um die Anerkennung von NS-Opfergruppen ging. Der AfD-Mann aus Jarnsen hatte zwischen KZ-Opfern differenziert. Man könne nicht allen Häftlingen eine "Generalamnestie einräumen", ein Teil sei auch Täter gewesen, so Ehrhorn. Historiker und Politiker anderer Parteien hatten seine Äußerungen entschieden zurückgewiesen. Ehrhorn wird die Verharmlosung von NS-Verbrechen vorgeworfen.

Die Rede von Thomas Ehrhorn (AfD) zu NS-Opfergruppen schlägt weiter hohe Wellen. Kirsten Lühmann (SPD) und Henning Otte (CDU) üben scharfe Kritik.

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