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Bergen Ortsteile "Ich muss das jetzt lernen für das Leben"
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Ortsteile "Ich muss das jetzt lernen für das Leben"
10:58 07.02.2019
Von Christoph Zimmer
Erziehungsexpertin und Buchautorin Susanne Mierau Quelle: privat
Bergen

Susanne Mierau macht mit ihrer Familie gerade Urlaub in der Lüneburger Heide. Im Landhaus Averbeck in Hassel (Infos und Anmeldung unter Telefon 05054-249) liest die bekannte Erziehungsexperin und Buchautorin an diesem Donnerstag um 20.30 Uhr aus ihrem Buch "Ich! Will! Aber! Nicht! – Die Trotzphase verstehen und gelassen meistern". Im CZ-Interview spricht sie vorab über die für die Kinder wichtige Entwicklungsphase, wie Eltern damit gelassen umgehen können und warum Trotz eigentlich der falsche Begriff ist.

Frage: Hören die Trotzphasen in der Lüneburger Heide plötzlich auf?

Antwort: Auch wenn es hier natürlich ein besonders schöner Urlaubsort ist, haben Kinder natürlich dennoch ihre eigene Agenda, und die heißt: Ich möchte mich gerne entwickeln, möchte dazulernen, möchte meine Fähigkeiten ausbauen. "Trotzphase" bedeutet ja eigentlich genau dies: Die Kinder sind in einem Entwicklungsabschnitt, in dem sie lernen, sich in der Welt zurecht zu finden und fordern das Recht ein, ihre Kompetenzen auszubauen. Deswegen ist "Trotz" auch eigentlich die falsche Bezeichnung, denn es geht letztlich darum, dass die Kinder nur ihrem natürlichen Drang folgen, Kompetenzen auszubauen. Es geht, anders als oft angenommen, nicht um einen Machtkampf und auch nicht um das "Durchsetzen um jeden Preis gegen mich". Es geht eher um ein "Ich muss das jetzt lernen für das Leben." Nur können unsere Kinder mit der Frustration, die das Nichtgelingen manchmal mit sich bringt oder mit den natürlichen Grenzen, an die sie stoßen, noch nicht umgehen. Deswegen: Zum Leid urlaubender Eltern hört dieses Verhalten auch im Urlaub nicht auf. Im Gegenteil: Es kann sogar noch stärker sein, weil es so viele spannende Dinge zu entdecken gibt.

Trotzphasen sind für Kinder ein ganz wichtiger Schritt in der Entwicklung.  Quelle: Familotel Landhaus Averbeck /Facebook

Diese Situationen kennen wahrscheinlich alle Eltern: Ein Kind will sich am Morgen nicht die Zähne putzen und wirft sich auf den Boden. Das andere Kind schreit, weil es im Supermarkt keine Süßigkeiten bekommt. Was raten Sie Eltern in einem solchen Moment?

Gelassen bleiben. Das Verhalten des Kindes ist ganz normal: Es kann noch nicht wie wir mit ärgerlichen Situationen umgehen und findet schwer aus der Wut über die Frustration heraus. Das, was uns gerade eigentlich stresst, ist ja nicht das Kind, sondern die Rahmenbedingungen: Eigentlich können wir ja entspannt sein, wenn das Kind die Wut auf dem Fußboden ausleben will. Morgens stresst uns aber der Zeitdruck, weshalb wir uns über das Kind ärgern. Das eigentliche Problem ist aber, dass wir rechtzeitig los müssen und zu wenig Flexibilität in Bezug auf den Arbeitsbeginn oder die Kitaabgabezeiten haben. Im Supermarkt können wir eigentlich auch entspannt sein, denn das Kind wird sich schon wieder beruhigen, aber hier stressen uns die anderen Erwachsenen und ihre strengen Blicke, die über uns richten. Wichtig ist in solchen Situationen deswegen wirklich, einen Schritt zurück zu treten und sich klar zu machen, dass es eigentlich nicht das Kind ist, das uns gerade stresst, sondern die Umgebungsfaktoren. Das Kind zeigt ein völlig normales und für die Entwicklung richtiges Verhalten – nur unsere Umwelt passt heute an vielen Stellen nicht dazu. Das erzeugt immer wieder Ärger.

"Stress führt zu negativem Erziehungsverhalten"

Trotz der Kinder geht auch an die eigenen Nerven. Was sollten Eltern mit der eigenen Wut tun?

Wenn wir wütend werden wegen des Verhaltens des Kindes, können wir genau hinsehen: Was genau macht mich da wütend und warum? Wie gesagt sind es oft die Umweltfaktoren, die nicht stimmig sind und die Familien heute sehr unter Stress setzen, gerade die fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Stress führt zu negativem Erziehungsverhalten und wir verhalten uns strenger, ungerecht und übergriffig, wenn wir gestresst sind. Natürlich dürfen und müssen Eltern auch wütend sein. Wichtig ist dann, dass sie bei sich bleiben und sagen "ICH bin sauer", "MIR ist das zu laut" und nicht immer die Schuld auf das Kind schieben und ihm ein schlechtes Selbstwertgefühl vermitteln mit einem "DU bist Schuld" oder "DU bist zu laut", denn wie gesagt: Das Kind verhält sich normal. Überall auf der Welt zeigen Kinder in der Kleinkindzeit dieses typische Verhalten und fordern lautstark Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten ein.

Kleinkindpädagogin Susanne Mierau macht mit ihrer Familie gerade Urlaub in der Lüneburger Heide. Trotzphasen der Kinder gibt es auch hier.  Quelle: Familotel Landhaus Averbeck / Facebook

Mit welchen Techniken können Eltern solche Situationen besser überstehen und wie Grenzen durchsetzen, ohne selbst wütend zu werden?

Wichtig ist immer die Reflexion, die es auch ermöglicht, schwierige Situationen zukünftig zu ändern: Morgens gibt es immer Stress, weil sich das Kind selbst anziehen will (ein ganz normales und richtiges Verhalten, denn es möchte lernen, es selbst zu tun)? Dann braucht es morgens mehr Zeit, damit das Kind diesem Bedürfnis nachkommen kann. Vielleicht braucht es auch einen Zettel, auf dem aufgemalt ist, was es alles anziehen soll, damit es sich selbst die Kleidung aus dem Schrank nehmen kann. Vielen Stresssituationen können wir entkommen, indem wir die Kompetenzen des Kindes anerkennen und Kinder besser in den Alltag mit einbinden. Beispielsweise ist es auch schon für Kleinkinder eine tolle Sachen, wenn sie aktiv beim Haushalt mithelfen können: Kleine Müllbeutel wegtragen, Geschirrspüler ausräumen, Brote schmieren – oft nehmen Familien den Kindern diese wichtigen Aufgaben ab, in denen sie ja eigentlich Kompetenzen auszubauen lernen. Und so kommt es langfristig zu mehr Auseinandersetzungen, weil Kinder stark in ihrem Entwicklungsbedürfnis beschnitten werden. Wer merkt, dass die Wut sehr stark ist, braucht manchmal auch therapeutische Hilfe: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und das beinhaltet sowohl den Verzicht auf physische als auch psychische Gewalt.

"Wenn wir uns da hinein fühlen, merken wir, wie unglaublich anstrengend das sein muss"

Können Sie sagen, was Kinder empfinden, wenn sie aus unserer Sicht außer Kontrolle geraten?

Stellen Sie sich vor, Sie sind über etwas so richtig verärgert. Sie finden keine Gedanken, die gerade aus dieser Wut heraus führen. Wenn wir unsere Kinder in einem solchen Wutanfall beobachten, sehen wir, wie sie schwitzen, rot werden, schreien und sich auch körperlich verausgaben. Wenn wir uns da hinein fühlen, merken wir, wie unglaublich anstrengend das sein muss. Das ist ja nichts, was man einfach so macht, aus Spaß. Und das sehen wir auch an den Kindern. Deswegen ist der Gedanke: Das macht es nur, um mich zu ärgern, auch so falsch.

Wie können Eltern ihren Kindern in einer solchen Situation helfen?

Viele Kinder sind in dieser Situation erst einmal nicht erreichbar, sondern ganz in der Wut gefangen. Wir können ihnen die Wut nicht ausreden und auch für Berührungen sind sie nicht empfänglich. Was wir tun können, ist die Versachlichung von Gefühlen: "Oh man, das hat Dich aber ganz schön geärgert!", "Du bist so wütend, weil Du die Süßigkeiten nicht haben kannst!" Wenn die Wut langsam abebbt, können wir als sicherer Hafen da sein und beruhigen.

Welche Bedeutung hat die Trotzphase in der weiteren Entwicklung der Kinder?

Kinder lernen in dieser Zeit ganz viele wesentliche Dinge: Sie bilden ihre Kompetenzen aus. Sie wollen beispielsweise klettern, um das Klettern zu lernen. Halten wir sie davon ab und haben sie im Alltag wenig Möglichkeiten dazu, werden sie wütend. So verhält es sich in vielen Bereichen, die zu Konflikten führen. Auch soziale Interaktion lernen sie jetzt und den Umgang mit Ärger und Wut: Fordern wir von ihnen immer nur ein, dass sie die Wut einstellen sollen, lernen sie keinen sinnvollen Umgang damit. Das kann auf Dauer krank machen. Wichtig ist deswegen, dass wir ihnen Wut zugestehen, aber ihnen auch Wege zeigen, sie besser auszuleben: Andere Menschen, Tiere schlagen oder Dinge kaputt machen sind keine richtigen Verhaltensweisen bei Wut. Hilfreicher können erst einmal Ersatzhandlungen sein: Stampf auf den Boden, hau in ein Kissen.

"Wesentlich ist nicht das Geschlecht, sondern das angeborene Temperament des Kindes"

Verläuft die Trotzphase bei Jungen und Mädchen gleich?

Kinder sind sehr unterschiedlich und haben verschiedene Temperamente. Diese unterschiedlichen Temperamente bestimmen im Wesentlichen den Verlauf. Darüber hinaus gibt es Studien, die belegen, dass bei einer nah aneinander liegenden Geschwisterfolge Ressourcen stärker eingefordert werden – was ja wieder ein sehr sinnvolles Verhalten des Kindes ist, um nicht übersehen zu werden. Auch in sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen zeigen Kinder mehr Durchsetzungswillen – ebenfalls sinnvoll. Es gibt auch Studien, die über ein stärkeres Verhalten bei Jungen berichten. Das wird damit erklärt, dass männliche Embryonen im Vergleich zu weiblichen eine weniger hohe Überlebensquote zeigen und deswegen auch später noch mehr Fürsorge verlangen. Wesentlich ist aber, wie gesagt, nicht das Geschlecht, sondern das angeborene Temperament des Kindes.

Gerade im Urlaub entdecken Kinder viele neue Sachen und wollen ihre Grenzen testen.  Quelle: Familotel Landhaus Averbeck / Facebook

Kann man den Trotzphasen vorbeugen?

Nein, prinzipiell geht es nicht. Aber wir können Rahmenbedingungen schaffen, die Kindern Selbständigkeit und Partizipation ermöglichen, wodurch sie weniger einfordern müssen, ihre Entwicklungspotentiale verfolgen zu müssen. Kinder brauchen in unserer Gesellschaft prinzipiell mehr Freiheit und auch Verständnis.

Wann ist die Trotzphase vorbei?

Es ist verwirrend, dass wir von "Phasen" sprechen, besonders in Bezug auf einen so wichtigen Bereich wie die Autonomie. Den Höhepunkt hat die Zeit der Auseinandersetzung und des vehementen Einforderns um den dritten Geburtstag, aber prinzipiell sind Autonomie und Selbständigkeit Eigenschaften, die Kinder ihr ganzes Leben lang einfordern von uns. Es ändert sich zwar ihr Umgang mit Wut und Konflikten, aber die Herausforderungen für uns Eltern, dass Kinder andere Wege gehen wollen, bleiben bestehen.

Susanne Mierau (39) ist Diplom-Pädagogin, Heilpraktikerin und Familienbegleiterin. Schwerpunkte der Berlinerin sind Pädagogik im Baby- und Kleinkindalter, Babybedürfnisse, Bindung und Elternberatung, sowie Elternschaft heute und „Eltern im Netz". Infos über die Autorin, Bloggerin und Kleinkindpädagogin auf www.geborgen-wachsen.de.

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