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Bergen Stadt NS-"Euthanasie": Im Gedenken der Ermordeten
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt NS-"Euthanasie": Im Gedenken der Ermordeten
18:01 04.05.2019
Von Andreas Babel
Eine Szene aus dem Theaterstück "Spurensuche", einer dynamischen Gedenk-Aufführung zu "Euthanasie"-Verbrechen während der NS-Zeit Quelle: Janina Kufner
Bergen

Das wird nichts für zarte Gemüter: Harte Kost erwartet die Besucher des Theaterstücks „Spurensuche – Was für ein Mensch willst Du sein?“. Die Bürgerstiftung Region Bergen hat diese „dynamische Gedenk-Aufführung“ zu Euthanasie-Verbrechen während der NS-Zeit ins Stadthaus geholt. Am Samstag, 18. Mai, 20 Uhr, führen die Schüler des Ernst-Mach-Gymnasiums Haar und der dortigen Mittelschule den Zuschauern eindrucksvoll vor Augen, wie die Nationalsozialisten Menschen bewerteten, kategorisierten und schließlich aussonderten und umbrachten.

Eine besondere Aufführung

Die Zuschauer sind nicht wie sonst üblich Betrachter aus einer gewissen Entfernung, sondern sie sind in einem speziell eingerichteten Bühnenraum immer wieder vor neue Situationen gestellt, in denen sie sich konkret mit den Szenen auseinandersetzen müssen. Die Schauspieler sprechen die Zuschauer mitunter direkt an. Sie bewegen sich um sie herum, bringen sie so zum Nachdenken, Fühlen und Handeln.

Da wird sicher manchem unwohl im Publikum, wenn die Schauspieler im Rücken der Betrachter stehen. Quelle: Janina Kufner

Wie es in Bergen weitergehen könnte

Einen Tag vor der öffentlichen Aufführung treten die bayrischen Schüler vor Gleichaltrigen aus dem Christian-Gymnasium Hermannsburg und der Anne-Frank-Oberschule Bergen (jeweils im Stadthaus) auf. Für die Organisatoren und Förderer der Bürgerstiftung Region Bergen ist dieses Projekt eine „Herzensangelegenheit“, wie es deren Vorsitzende Nadine Friedrichs formuliert: „Perspektivisch sehen wir eine Installierung einer eigenen solchen Recherche sowie eine Fortführung des Theaterstücks von ortsansässigen Schülern hier vor Ort.“

Ansatzpunkte für eigene Rechercheprojekte

Schließlich gab es auch mitten in Bergen eine Stätte, in der Zwangsarbeiterinnen ihre Kinder zur Welt bringen mussten. In solchen Einrichtungen (sie hießen "Ausländerkinder-Pflegestätten") ließen die Nationalsozialisten die Kinder in der Regel durch Unterernährung sterben und die Mütter wurden wenige Tage nach der Niederkunft wieder auf die Felder, unter Tage und in die Fabrikhallen geschickt. Auch in Unterlüß gab es solch ein Heim für Säuglinge. Auf dem Unterlüßer Friedhof wurden unlängst eindrucksvolle Stelen errichtet, die an die Opfer erinnern. Im nahen KZ Bergen-Belsen starben Mitte der 1940er Jahre auch viele Kinder. Bis zur Befreiung forderten Mangelernährung und Krankheiten viele Opfer. Auch nach der Befreiung starben noch etliche Menschen an den Folgen der Haft.

Die Schauspieler verteilen sich im Raum: Eine Szene aus dem Theaterstück "Spurensuche". Quelle: Janina Kufner

Geschichte der Täter erforschbar

Und schließlich gab es auch Ärzte aus dem Landkreis Celle, deren Geschichte Schüler noch näher erforschen könnten. So war der in Wohlde geborene Heinrich Bunke vor seiner Zeit als Gynäkologe in Celle als Arzt in der NS-Tötungsanstalt Bernburg tätig. Hier hat er Insassen kontrolliert, bevor sie in die Gaskammern gingen. Er hat auch von einem Hirnforscher "bestellte" Gehirne von für diesen Hirnforscher interessanten Häftlingen seziert und die Hirnschnitte diesem überstellt. Dann gab es in Celle ab August 1943 noch Dr. Helene Darges-Sonnemann, die hier 1952 einen ehemaligen Hitler-Adjutanten, Fritz Darges, heiratete. Die Kinderärztin hat vorher in einem Hamburger Kinderkrankenhaus behinderte Kinder getötet. Einige der Bedienstete im Hause Darges-Sonnemann sollen aus dem Celler Nordkreis stammen.

"Ausländerkinder-Pflegestätte" in Bergen

Für die Betreuung der Säuglinge des Kinderheims in Bergen waren die ortsansässigen Ärzte, Frau Dr. Quante (damals Celler Straße 258) und Dr. Quirll (damals Celler Straße 310) zuständig. Heimleiterin war eine Hubertine Wilke (damals Celler Straße 37). Inwieweit hier Kinder gestorben sind, ist bislang unerforscht. Ob die Genannten Aufzeichnungen aus der ausgehenden NS-Zeit hinterlassen haben, ist ebenfalls unbekannt. Wie lange diese "Ausländerkinder-Pflegestätte" in Bergen existierte, weiß man genauso wenig. Im Landkreis Celle gab es kurzzeitig eine weitere dieser Einrichtungen in einer heute abgerissenen Gaststätte in Wietze-Steinförde und eine in einem noch heute stehenden Haus in Papenhorst, in dem nachgewiesenermaßen viele Kinder ums Leben kamen. Ihnen zu Ehren gibt es auf dem Nienhäger und auf dem Wathlinger Friedhof Gedenksteine.

Geschichte der NS-Opfer erforschbar

Außerdem kann man versuchen, die Geschichte von "Euthanasie"-Opfern aus dem Landkreis Celle zu erforschen. Die Gedenkstätte auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg bietet dazu Seminare an und hat die Akten der damaligen "Kinderfachabteilung", in der während der NS-Zeit behinderte Kinder getötet wurden, verwahrt und stellt sie für Forschungszwecke vor Ort zur Verfügung.

Erfolgsprojekt: Stück mehrfach ausgezeichnet

Eigentlich war das Theaterstück als reines Schulprojekt geplant. Doch mittlerweile sind die Schüler aus Bayern schon mehr als 60 Mal aufgetreten – überall im Bundesgebiet und sie sind auch dafür preisgekrönt. Hinter der Bühnenpräsenz steckt jede Menge Arbeit, in Archiven, vor Ort und in Gesprächen mit Zeitzeugen. Rund 1800 Patienten starben in einer Heil- und Pflegeanstalt in Haar an Unterernährung, 332 Kinder wurden gezielt getötet. Doch das sind nur Zahlen. Die Schüler werden einzelne Schicksale vor Augen führen, den Opfern wieder einen Namen und ein Gesicht zurückgeben. Durch diese Inszenierung werden die Mechanismen der NS-Ausgrenzung deutlich und so ein perfides System enttarnt.

Das Projekt hat zahlreiche Unterstützer

Dieses Theaterprojekt wurde von der Bürgerstiftung Haar und der „Weiße Rose Stiftung“ gefördert. Hier in Bergen sind neben der dortigen Bürgerstiftung außerdem das Bundesfamilienministerium über sein Programm „Demokratie leben!“ und die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten die maßgeblichen Unterstützer.

Karten für die Aufführung von "Spurensuche" am Samstag, 18. Mai, 20 Uhr, kosten im Vorverkauf beim Schuhhaus Friedrichs, Celler Straße 16, in Bergen 5 Euro. An der Abendkasse im Berger Stadthaus, Lange Straße 1, beträgt der Eintritt 7,50 Euro. Die Gelder fließen künftigen Projekten der Bürgerstiftung Region Bergen zu.

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