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Bergen Stadt "Es ging um Leben und Tod"
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt "Es ging um Leben und Tod"
17:57 03.09.2018
Familie Shanibaqi fühlt sich in Bergen wohl. Quelle: Lothar H. Bluhm
Bergen

Shiha meldet sich sofort, um zu sprechen. Ganz weit reckt die aufgeweckte Neunjährige ihre Finger in die Höhe. Das Mädchen mit den wachen Augen brennt darauf, etwas zu erzählen. Shiha kommt aus dem Irak und macht jetzt mit beim Feriensprachcamp in Bergen.

Es ist der zweite Tag und die Kinder kennen sich noch nicht alle, aber beim gemeinsamen Spielen, beim Basteln und beim Lesen kommen sie sich näher. Eine große Fantasie-Stadt aus Legosteinen und ein gemeinsames Theaterstück sollen den Eltern am Ende der Woche gezeigt werden. Daran arbeiten die Kinder beim Feriensprachcamp.

Shihas Schwester Solin (11) ist mit dabei. Beide sind erst vor fast drei Jahren mit ihrer ganzen Familie aus dem Nordirak nach Bergen gekommen. Beide sprechen Deutsch, als wäre es ihre Muttersprache.

"Das war Krieg"

Fast überschlägt sich ihre Sprache, als sie erzählen: „Da waren Zelte.“ „Insgesamt waren wir 50 –Eltern und Kinder.“ „Wir sind gelaufen, mal gefahren.“ „Auch auf einem Boot über das Meer.“ „Wir sind durch zehn Länder gekommen.“ „Das war Krieg.“ „Da ging es um Leben und Tod.“

In ihrer „neuen Heimat“ in Bergen, in ihrem roten Klinkerhaus, holen die beiden Schwestern ein Kartenspiel und spielen mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder Orhan im kühlen Wohnzimmer. Die größeren Geschwister sind oben in ihren Zimmern.

Wenn Vater Sebri Shanibaqi (42) erzählt, nennt er ganz präzise die für die Familie so wichtigen Daten: 24. August 2014 – Fluchtbeginn; 9. Dezember 2015 – Passau; 10. Dezember 2015 - Erstaufnahmelager Scheuen; 22. Dezember 2015 - Bergen, Celler Straße; 1. November 2016 Umzug in das jetzige Haus.

Die Stadt Sinjar im Nordirak, in der die jesidische Familie lebte, hatte etwa 30.000 Einwohner. Über Nacht am 3. August 2014 um 3 Uhr morgens überfielen ISIS-Truppen die Stadt. Schon vorher flohen Tausende vor den sunnitischen IS-Kämpfern in den Höhenzug des Sinjar-Gebirges. „Wir mussten auch raus“, berichtet Shanibaqi, sonst hätten sie Muslime werden müssen. Auch die Familien seiner Brüder flohen. „Nur unsere Eltern blieben zurück. Sie sind über 80 Jahre alt und wollten bleiben. Sie baten uns, zu gehen. Mein Vater sagte: ‚Ich will hier bleiben!‘“

Es folgte ein einjähriger Aufenthalt in einem türkischen Flüchtlingscamp, bevor sich die Familie auf den langen Weg machte.

Intensiv Deutsch gelernt

Sebri Shanibaqi arbeitete zehn Jahre lang in Sinjar als Grundschullehrer, nachdem er an der Universität in Mossul studiert hatte. In Bergen hat er intensiv Deutsch gelernt. Sechs Monate besuchte er die Volkshochschule Celle. Er hat ein sechswöchiges Praktikum in Garßen absolviert und will nun die B2-Prüfung des Goethe-Instituts schaffen. „Das ist richtig schwierig, mit 40 Jahren ein neues Leben zu beginnen“, sagt er. „Aber wir wollen nicht zurück.“

In Bergen lebt eine Zivilgesellschaft, die sich aus über 50 verschiedenen Nationalitäten zusammensetzt und insgesamt gut harmoniert. "Neue Mitbürger heißen wir willkommen, wenn sie sich selbst auch bemühen, anzukommen", sagt Philipp Legrand, der städtische Integrationsbeauftragte. "Verschiedene Angebote und Aktivitäten, wie beispielsweise unser Neubürgerempfang oder unsere ehrenamtlich engagierten Neubürgerpaten, unterstützen ein Ankommen in Bergen." Darüber hinaus setzt die Stadt Bergen verschiedene Förderprogramme im integrativen Bereich um, wie etwa das Bundesprogramm Jugend stärken im Quartier in Kooperation mit dem Landkreis Celle, der Pestalozzi-Stiftung, Demokratie leben und mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen, die Partizipation und ein fruchtbares Zusammenleben altersspezifisch und individuell unterstützen.

Insgesamt leben 14.000 Menschen in Bergen. Davon sind rund zehn Prozent Ausländer. "Damit liegen wir unter dem Bundesdurchschnitt bezogen auf die Ausländerzahlen", stellt Legrand fest. Um 2015/2016 sind etwa 250 Menschen als Geflüchtete nach Bergen gekommen.

Bleiberecht bis 2020

Unter Punkt 40 hat Bundesinnenminister Horst Seehofer in seinem Masterplan Migration zusammengefasst, dass asylgerichtliche Verfahren optimiert werden sollen. Zur zeitlichen Umsetzung sagt der Plan nichts.

Sebri Shanibaqi und seine Familie dürfen bis Januar 2020 hier bleiben. Sie fühlen sich als Mitbürger der Stadt, alle fühlen sich wohl und Shiha und Solin freuen sich auf die Schule. Für den ABC-Schützen Orhan bedeutet sie wieder etwas Neues. Wieder einmal. Diesmal aber in Frieden.

Von Lothar H. Bluhm

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