Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Bergen Stadt Familie des Opfers muss mit Ungewissheit leben
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt Familie des Opfers muss mit Ungewissheit leben
17:23 27.02.2019
In diesem Haus in Bergen ereignete sich die Tat.  Quelle: Christian Link
Bergen

In einer emotionalen Stellungnahme wandte sich der Vater der getöteten 18 Jahre alten Hermannsburgerin kurz vor der Urteilsverkündung noch einmal an das Gericht. „Gewalt steckt in dieser Person. Er hat auch das Gericht getäuscht“, sagte er gestern vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg unter Tränen. „Für meine Tochter ist es zu spät. Ich bitte Sie, alles dafür zu tun, dass kein Mädchen mehr so leiden muss.“

Keine Erklärung für das Unerklärliche

War es Mord, Totschlag oder eine Tötung im Drogenrausch? Diese entscheidende Frage bewegte das Landgericht Lüneburg nach dem gewaltsamen Tod der jungen Frau am Abend des 20. März 2018 im Haus ihres Freundes in Bergen insgesamt fast vier Monate lang. Für die Familie und Freunde des Opfers war es eine Zeit quälender Ungewissheit. Sie hatten sich endlich eine Antwort auf die Frage erhofft, wie es zu dieser grausamen Tat kommen konnte. Nach dem Prozess müssen sie sich jedoch mit der traurigen Gewissheit abfinden, dass es für sie wohl niemals eine Erklärung für das Unerklärliche geben wird.

Ein Polizeibeamte sichert den Tatort ab.  Quelle: Christian Link

Angeklagter beruft sich auf Erinnerungslücken

Weil er im Vollrausch seine Freundin getötet haben soll, musste sich Michael G. vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Der Angeklagte berief sich im Prozess immer wieder auf Erinnerungslücken. Er habe mit seiner Freundin gemeinsam LSD konsumiert. Dann sei er verletzt in einem Sessel zu sich gekommen. Laut der Anklage soll er im LSD-Rausch in einen psychotischen Zustand geraten sein und dann mehrfach zugestochen haben.

Vater des Opfers spricht von "bewusster Vertuschung"

Vor und während des Prozesses arbeitete sich der Vater des Opfers durch die Akten und die Hauptverhandlung. Er nahm G. die Erinnerungslücken bis zuletzt nicht ab. „Ich würde ihm gerne glauben, doch kann ich es nicht. Die beigefügten Verletzungen waren gezielt und gesteuert. LSD war nicht verantwortlich. Es war Mord, ein Wutanfall, durch übermäßige Eifersucht begangen“, sagte er mit Blick auf den von Zeugen als extrem eifersüchtig und aggressiv beschriebenen Freund seiner Tochter. G. beging eine „bewusste Vertuschung“, indem er Spuren falsch legte. Der aus Usbekistan stammende Angeklagte war zunächst zu seiner nach Russland gereisten Familie geflohen. Nachdem er seine Rückkehr angekündigt hatte, wurde er an der polnisch-russischen Grenze festgenommen.

Der wegen Vollrauschs in Tateinheit mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz Angeklagte Michael G. sitzt neben seinen Anwälten Louisa Krämer und Hans Holtermann. Quelle: Philipp Schulze

Staatsanwaltschaft hält an Anklagevorwurf fest

Staatsanwalt Martin Zießmer hielt in seinem Plädoyer an seinem Anklagevorwurf fest. „Für eine schuldhafte Begehung eines Totschlags gibt es keine Anzeichen. Wir können nicht beweisen, dass die Steuerungsfähigkeit erhalten war“, sagte der Vertreter der Anklage. Nachdem die Familie von G. zu einer Reise nach Russland aufgebrochen war, nahm das junge Paar im Elternhaus in Bergen gegen 18.30 Uhr gemeinsam LSD ein. Nach der Aussage des Rechtsmediziners erfolgte der grausame Angriff, bei dem G. mehrmals zugestochen hatte, gegen 21 Uhr. Wegen vorsätzlichen Vollrausches sah Zießmer einen Gefängnisaufenthalt von drei Jahren und neun Monaten als „tat- und schuldangemessen“ an.

Verurteilung wegen Totschlags gefordert

Die beiden Rechtsanwältinnen Mareike Biesold und Ute Rettel, die die Familie der getöteten Gymnasiastin vertreten, entgegneten Zießmer, die grausame Tötung sei eine Art von Folterung gewesen. Das Gutachten des Psychiaters sei von qualitativen Mängeln durchzogen. G. habe unmittelbar nach der Tat, bei der das Opfer fast enthauptet wurde, mitbekommen, wie ihr Blut auf die Fliesen tropfte, und versucht, den Boden zu säubern. „Das ist eine derart planvolle Reaktion, die gegen das Argument der aufgehobenen Steuerungsfähigkeit spricht“, sagten sie in ihren Plädoyers und forderten eine Verurteilung wegen Totschlags.

Das Elternhaus des jungen Mannes in Bergen.  Quelle: Christian Link

"Ich empfinde gegenüber der Familie ein tief empfundenes Beileid"

Verteidigerin Louisa Krämer plädierte wegen Vollrauschs auf eine Haftstrafe von unter drei Jahren. „Es waren fatale Folgen. Mein Mandant handelte ohne Schuld“, sagte sie. Außerdem forderte sie die Aufhebung des Haftbefehls, da „kein Fluchtanreiz“ mehr bestehe. Der Angeklagte selbst setzte unter Tränen zu seinem letzten Wort an: „Ich empfinde gegenüber der Familie ein tief empfundenes Beileid. Sie war da, wenn Sorgen mich plagten. Wir waren glücklich miteinander. Ich verurteile meine Entscheidung, LSD genommen zu haben. Es macht mir Angst, verstehen zu müssen, ihr das Leben genommen zu haben.“

Urteil ein Schlag ins Gesicht für Familie

Verurteilt wurde er nun wegen vorsätzlichen Vollrauschs in Tateinheit mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Haftstrafe von vier Jahren und sieben Monaten. Für den Tod der Freundin selbst konnte er nicht bestraft werden. Für die Familie und Freunde dürfte das wie ein Schlag ins Gesicht sein, nachdem die junge Frau so brutal aus dem Leben gerissen wurde. Und sie keine Antwort auf die für sie so drängende Frage bekommen haben. Warum?

Einblick in Beratungen des Gerichts

„Dies ist ein Urteil, das nach unserem besten Wissen und Gewissen den strafprozessualen Möglichkeiten entspricht", sagte der Vorsitzende Richter Thomas Wolter in seiner Begründung. "Sie, die Familie, haben die Hölle auf Erden erlebt. Es packt einem das nackte Entsetzen. Man wird sprachlos. Doch sprachlos zu bleiben ist nicht unsere Aufgabe.“ Ein psychotischer Zustand und eine verminderte Steuerungsfähigkeit könne nicht ausgeschlossen werden. „Wir können das nicht sicher ausschließen, und wenn das so ist, dann gilt der Grundsatz in Zweifel für den Angeklagten. Es klingt tragisch, ist aber so“, erklärte der Richter und gab unerwartet Einblick aus den geheimen Beratungen, die eher selten die Öffentlichkeit erreichen.

Wolter nahm die kritischen Gedankengänge des Vaters auf: „Ich habe den größten Respekt vor dem, was Sie hier geleistet haben. Viele Ihrer Überlegungen habe ich mir auch gemacht“, sagte der in Richtung der Familie, die ihr Liebstes verlor.

Eifersucht als Motiv

Krankhafte Eifersucht sei das tatsächliche Motiv, lasse sich aber nicht weiter ergründen, sagte Wolter. Es gab aber auch gewichtige Gründe, die einen Vollrausch erklären, auch die spulte er ab. Der Beschuldigte tötete die Freundin in dessen zuhause. „Ein planvoller Täter geht anders vor. Der fährt mit ihr in einen Wald, begeht da seinen Mord und vergräbt den Leichnam später im Dickicht“, erwähnte der Vorsitzende und hob den Haftbefehl anders als von der Verteidigerin gefordert nicht auf. „Es besteht nach wie vor eine Fluchtgefahr, da Sie Herr G. über eine Reihe von Auslandskontakten verfügen.“ Anschließend klickten die Handschellen, drei Wachtmeister begleiteten den gerade Verurteilten zurück in seinen Haftraum.

Nebenklage lässt Revision offen

„Ich finde das Urteil gut begründet und nachvollziehbar. Es war eine entsetzliche Tat“, sagte Rechtsanwältin Ute Rettel, die den Vater und die Schwester des Opfers vertritt, am Ende der Verhandlung. Ob es zu einer Revision vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe kommt, um dort eine Verurteilung wegen Totschlags zu erreichen, wisse sie noch nicht. „Meine Mandanten brauchen jetzt eine Woche Zeit, um sich das genau zu überlegen.“

Debatte um Vollrauschparagrafen

Um den sogenannten Vollrauschparagrafen ist unterdessen eine breite Debatte entbrannt. Jüngst hat sich der sächsische Justizminister Sebastian Gemkow dafür ausgesprochen, Rauschtaten in Zukunft härter zu bestrafen als bisher. Er regte dazu einen entsprechenden Gesetzentwurf an, wonach Menschen, die sich gezielt in einen Rauschzustand versetzen und anderen Menschen einen Schaden zufügen, genauso bestraft werden sollen wie Täter, die nüchtern sind.

Von Benjamin Reimers

Weil er seine Freundin im Drogenrausch erstochen hat, muss ein 22 Jahre alter Mann aus Bergen für vier Jahre und sieben Monate ins Gefängnis.

27.02.2019

Wegen des Krippen-Anbaus in Eversen haben zwei Kita-Leiterinnen ihren Job getauscht. Petra Ahrens-Matzen nimmt die Herausforderung in Eversen an.

Christopher Menge 27.02.2019
Bergen Stadt Mitglieder wählen Horrer - Vorstand der SPD Bergen bestätigt

Bei der Mitgliederversammlung der SPD Bergen ist der geschäftsführende Vorstand durch eine Wiederwahl bestätigt worden

Christopher Menge 26.02.2019