Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Lohheide „Entwicklung professionellerer Strukturen“
Celler Land Bergen und Lohheide Lohheide „Entwicklung professionellerer Strukturen“
15:16 13.06.2010
Szene aus dem Dokumentationszentrum in Bergen Belsen Quelle: Tore Harmening
Anzeige
Lohheide

Herr Knoch, die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten wird fünf Jahre alt. Ein Grund zum Feiern?

Es ist ein Anlass, um Rechenschaft abzulegen und in die Zukunft zu schauen. Wir möchten vor allem auf das beeindruckende und immer noch wachsende Spektrum an Gedenkstätten, Erinnerungsinitiativen und Projekten zur Erinnerung an die NS-Verfolgten in Niedersachsen aufmerksam machen, etwa einhundert gibt es davon im ganzen Land. Und es ist Gelegenheit allen zu danken, die diese Arbeit leisten und unterstützen.

Anzeige

Was hat sich seit der Gründung in der Arbeit der Gedenkstätten verändert?

Mit der Eröffnung des neuen Dokumentationszentrums in Bergen-Belsen ist ein international hoch gelobter Standard für Gedenkstätten gesetzt worden. Hier wie in allen anderen der 16 NS-Gedenkstätten mit Besucherbetreuung im Land Niedersachsen ist der Zuspruch für diese Arbeit gewachsen, die Bedeutung des historischen Ortes sowie die Notwendigkeit wissenschaftlicher Forschung und zeitgemäßer Vermittlungsformen sind deutlicher geworden. Gedenkstättenarbeit entwickelt professionellere Strukturen, braucht dafür aber weitere Unterstützung und sollte weiterhin bürgerschaftlich mitverantwortet werden.

Wo sehen sie die aktuellen Schwerpunkte der Arbeit für die gesamte Stiftung?

Sicherlich ist einer der Schwerpunkte die weitere Entwicklung der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu einem regional verankerten Ort internationaler Bildungs- und Forschungsarbeit zu den NS-Verbrechen. Für die Gedenkstätte Wolfenbüttel haben wir unter anderem die Sicherung und bessere Kommentierung der ehemaligen Hinrichtungsstätte zu entwickeln. Andere Gedenkstätten wie in Esterwegen, Sandbostel, Moringen, Liebenau, Hannover-Ahlem oder der U-Boot-Bunker in Bremen/Farge werden gerade neu gestaltet, die Stiftung berät und fördert hier intensiv. Dort wie auch in Osnabrück, Wehnen bei Oldenburg, Lüneburg, Braunschweig oder bei Holzminden sind insgesamt die Verbesserung von Ausstattung, Angebotsqualität und der Möglichkeiten von Bildungsarbeit ein wichtiges Thema auch für die Stiftung, gerade wenn es um die Absicherung des erforderlichen Personals geht.

Welche Projekte gibt es derzeit in Bergen-Belsen?

Wir schaffen mit einem neuen Pädagogischen Zentrum wichtige Grundlagen für eine nachhaltige, internationale und zukunftsorientierte Bildungsarbeit. Dies muss mit einer Fortsetzung der Arbeiten zum Namensverzeichnis, dem Interviewprojekt mit Überlebenden oder der Aufarbeitung der Erinnerung an Bergen-Belsen nach 1945 vor Ort und international Hand in Hand gehen. Parallel dazu ist für 2010 und 2011 die Umgestaltung und Erläuterung des ehemaligen Lagergeländes geplant. Die nächsten Monate stehen bereits im Zeichen der Gedenkfeier zum 65. Jahrestag der Befreiung. Auch darüber hinaus ist und bleibt die Begleitung und Betreuung von Überlebenden sowie die Bewahrung ihrer Zeugnisse eine zentrale Aufgabe.

Wo soll die Stiftung nach Ihren Vorstellungen in fünf Jahren stehen?

Mit dem Umzug in die Thaersche Villa Anfang 2010 wird die Stiftung in der städtischen Kultur von Celle sichtbarer werden. Sie soll sich als aktives Zentrum eines Netzwerks der Erinnerung in ganz Niedersachsen, aber auch als Initiator und Partner internationaler Projekte etablieren. Da wir an der Schwelle des Abschieds von den unmittelbaren Zeugen stehen, wird die Stiftung alles dafür tun, die Erinnerung an die NS-Verbrechen und ihre Opfer als eine dauerhafte Aufgabe zu verankern, die für die demokratische Kultur und den moralischen Kompass dieser Gesellschaft unerlässlich ist.

Die Entwicklung der Gedenkstätte Bergen-Belsen ist für Habbo Knoch (kleines Foto) eine zentrale Aufgabe der Stiftung.

Die Stiftung

Die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten hat neben der Verantwortung für Bergen-Belsen noch zwei weitere Säulen. Sie ist zum einen für die Förderung und Entwicklung der regionalen Gedenkstättenarbeit verantwortlich. Eine davon, die Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel, ist in Trägerschaft der Stiftung. Die meisten anderen werden über Projektfinanzierungen und inhaltliche Beratung gefördert. Zum anderen soll die Stiftung für die Forschung zu Widerstand und Verfolgung zwischen 1933 und 1945 auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsen Sorge tragen. Dazu gibt es seit 1993 eine in dieser Form bundesweit einmalige zentrale Dokumentationsstelle in Celle, die zugleich Serviceeinrichtung für Gedenkstätten, Erinnerungsinitiativen und Historiker ist.

Von Tore Harmening