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Lohheide „Sonne schien, als die Welt zurück auf ihren Kurs kam“
Celler Land Bergen und Lohheide Lohheide „Sonne schien, als die Welt zurück auf ihren Kurs kam“
15:07 13.06.2010
Von Andreas Babel
Zentrale Gedenkfeier zur Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen am 18. April 2010. Quelle: Andreas Babel
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Lohheide

Nur noch Vogelgezwitscher war zu hören. Es muss so gewesen sein, als vor 65 Jahren die Briten ins todesstille Lager einrollten. Die Gäste der Gedenkstunde im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen hatten sich von ihren Sitzen erhoben, um Andrzej Przewoznik zu gedenken. Denn der Generalsekretär des Rats zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Märtyrertum in Polen war vor acht Tagen beim Flugzeugabsturz von Smolensk ums Leben gekommen. Er war wie die anderen Opfer auf dem Weg zu einer Gedenkfeier anlässlich des 65-Jahrestages der Befreiung.

Zu Beginn seiner Rede bedankte sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) bei den britischen Soldaten, die damals Leib und Leben eingesetzt hätten, „um uns allen in Europa ein Leben zu ermöglichen“. Die Zeugnisse und Stimmen der Überlebenden gewönnen immer mehr an Gewicht, je länger die Zeit nach der Befreiung voranschreite, meinte Wulff.

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Und so war es Sam Bloch, der damals jüngste der Verwaltung des „Displaced Persons Camps“ in Bergen-Belsen, des größten seiner Art in Europa, der trotz seines hohen Alters die Stimme erhob: „Die Sonne schien, als die Welt zurück auf ihren Kurs kam.“ Fünf Jahre hätten die Überlebenden „im Schatten des Holocaust“ in diesem Camp in Lohheide gelebt. Auch Bloch wies darauf hin, dass die zahl der Überlebenden schwindet und bald niemand mehr über sein Schicksal berichten könne. Nur mühsam und mit Hilfe meistert der 85-Jährige die fünf Stufen hinunter zu den Stuhlreihen.

Als „Schlusslicht“, wie er sagte, sprach Manfred Böhmer vom niedersächsischen Verband der Sinti und Roma. Viele seiner Leute seien in Bergen-Belsen gewesen. Seine Großmutter habe man lebendig begraben. Seine Mutter habe aber überlebt. Sie habe auf seine Frage geantwortet, ob sie denn etwas Gutes im Lager erlebt habe: „Nein, es war grausam. Es war eine Hoffnungslosigkeit, wo man nur Gänsehaut hatte.“

Persönlich betroffen: Deutschlands Staatsminister Bernd Neumann hat einen ganz persönlichen Bezug zur Gedenkstätte Bergen-Belsen. Darauf wies er während der Gedenkfeier gestern Mittag vor dem Obelisken hin. Er war ein kleiner Junge, als seine Eltern mit ihm aus Westpreußen geflüchtet waren und auf einem Bauernhof bei Bergen unterkamen. Hier lebte die Familie bis 1950. Seine Mutter bekam eine Anstellung auf dem Truppenübungsplatz im Büro, sein Vater an einer Tankstelle der britischen Besatzungsmächte. Aus dem befreiten Lager hörten seine Eltern zahlreiche Erlebnisse. „Sie haben mir oft über das berichtet, was ihnen erzählt worden ist. Ihre Erschütterung nahm von Mal zu Mal mehr zu“, sagte Neumann.

Die Erinnerung an die Schreckenstaten der Nazis sei nicht nur die Angelegenheit staatlicher Organe, sondern Aufgabe eines jeden Einzelnen. Neumann meinte, dass die deutsche Gesellschaft an der Aufgabe, sich die Schuld einzugestehen „gewachsen und gereift“ sei. Der Staat müsse und werde die Rahmenbedingungen für eine würdige Erinnerungskultur ständig neu überarbeiten und so aufrechterhalten. Neumann hob die „fundamentale Bedeutung der Zeitzeugen für die Erinnerungsarbeit“ hervor. Bereits heute werde er sich mit den Präsidenten der internationalen Lagerkommitees in Berlin treffen, um mit ihnen zusammen über die Zukunft zu sprechen. „Die Vergangenheit muss lebendig bleiben in Bergen-Belsen.“

Meinung: Gedenken

Viele junge Leute haben dieser Tage an den Gedenkfeiern anlässlich der Befreiung des KZs Bergen-Belsen teilgenommen: ein Bild, das Hoffnung macht. Es sind auch Angehörige von Überlebenden darunter, aber auch völlig Unbeteiligte junge Menschen, die sich der Geschichte ihrer unmittelbaren Umgebung bewusst sind.

Werden sie es je verstehen, warum Menschen ihresgleichen das angetan haben, was in Bergen-Belsen geschah? Es war keinerlei Verbitterung, Zorn oder Hass zu spüren während der Gedenkfeiern. Die meisten der Überlebenden sind froh, dass es heute diesen Ort in der Form gibt, wie ihn viele kluge und menschenliebende Aktivisten geschaffen haben.

Hier wird auch in den kommenden Jahrzehnten ein Ort sein, an dem die Erinnerung an das Grauen wach gehalten wird. Dass die Organe unserer Gesellschaft diese Gedenkstätte in der Art und Weise unterstützen, wirft ein gutes Licht auf die ganze Gesellschaft.

Es kann eben nie gut sein mit der Erinnerung. Man kann eben nicht aufhören damit, gegen das Vergessen und noch schlimmer gegen das Verdrängen anzukämpfen. Nur wer die Geschichte kennt, kann nach vorne schauen.