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Eschede Das Schicksal führte sie in Marwede zusammen
Celler Land Eschede Das Schicksal führte sie in Marwede zusammen
15:10 13.06.2010
Auf dem Friedhof in Marwede trägt der Grabstein der vier Toten vom 20. April 1945: Hedwig Weisser, Karin Schmitz, Stephan Pawliski und Ernst Makus. Quelle: nicht zugewiesen
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Marwede

Das Schicksal führte sie in Marwede zusammen. Im Celler Land war eine Woche zuvor der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, da starben bei einer Minenexplosion am Rande von Marwede am 20. April 1945 vier Menschen. Darunter war auch Hedwig Weisser, 33 Jahre alt. Ihr Sohn Rüdiger, damals drei Jahre, überlebte als einziger. Noch heute steckt ein Splitter im Brustbein über der Hauptschlagader, ein weiterer in seinem linken Augapfel.

Weisser ist längst pensioniert, über 64 Jahre nach dem Ereignis, das ihn zum Vollwaisen machte, forscht der Pfarrer im Ruhestand, der in Hamm lebt, nach den Wurzeln seiner Familie. „Die Enkelkinder mit ihrer Fragerei tragen auch dazu bei“, sagt der 67-Jährige.

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Zur Geschichte seines Lebens gehört auch die Frage nach dem Verbleib der Angehörigen der anderen Opfer der Explosion, die heute noch der Grabstein auf dem Friedhof in Marwede nennt. Beim Heimatforscher Hans Türschmann in Endeholz erhielt Weisser im August Hinweise auf das tragische Ereignis vom April 1945.

Weisser wurde in Hannover geboren, sein Vater starb 1943 an einem Gehirntumor. Ein Kollege seines Vaters, Joseph Schmitz, kümmerte sich um die Witwe und die Kinder. 1944 starb Schmitz’ Frau. Am 13. März 1945 kamen Schmitz mit seinen beiden Töchter und Weisser mit ihren beiden Söhnen in Marwede unter, hier schien die Lage sicherer als in Hannover. Bei der Explosion fünf Wochen später starb auch Karin Schmitz, zwölf Jahre alt. Nach Weissers Wissen ging Schmitz mit der anderen Tochter nach Bonn zurück, wo er geboren wurde.

„Ich hatte drei Mütter und zwei Väter“, sagt Weisser rückblickend. Denn er wurde nach dem Unglück in Marwede in der Familie weitergereicht und wuchs an unterschiedlichen Orten auf.

Familie Makus waren nach Weissers Erinnerung Flüchtlinge aus dem Warthegau, sie sollen Marwede in Richtung Potsdam verlassen haben. Und Stephan Pawliski, der mit noch nicht einmal 14 Jahren in den Tod gerissen wurde, stammte vermutlich aus Polen.

Die Marweder Einwohner sollen seiner Mutter gegenüber sehr freundlich eingestellt gewesen sein, hat Weisser gehört. Sie setzten den vier Todesopfern einen Grabstein, auf dem neben den Namen und Lebensdaten zu lesen ist: „Sie ließen in den Wirren der letzten Kriegstage ihr Leben, nachdem sie in Marwede nach Verlassen der Heimat eine Zuflucht gefunden hatten.

Dass sich das Explosionsunglück am 20. April ereignete, hatte mit der Auslagerung der so genannten Reichsreifenstelle zu tun, die nach Marwede ausgelagert war. Sie verfügte neben Reifen auch über Lebensmittel. „Als sie am Tage vor dem Einmarsch ihr Lager verließen, wurde mir als Bürgermeister das Proviantlager übergeben. Mir wurde fest versichert, dass keine Minen gelegt seien. Doch als nach drei Tagen Flüchtlinge dort Sachen holen wollten, explodierte ein Sperrriegel. Vier Tote lagen zerfetzt umher, ein schrecklicher Anblick“, hielt der frühere Bürgermeister von Marwede, Wilhelm Brese, 1976 in seinem Buch „Erlebnisse und Erkenntnisse“ fest.

Von Joachim Gries