Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Faßberg Cellerin Helga Starossom erzählt von Kindheit während des Zweiten Weltkriegs
Celler Land Faßberg Cellerin Helga Starossom erzählt von Kindheit während des Zweiten Weltkriegs
13:00 04.10.2017
Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Müden (Örtze)

MÜDEN. Bis zu ihrem siebten Geburtstag sei sie als Einzelkind „wohlbehütet und verwöhnt, als Accessoire meiner modebewussten Mutter – gleicher Mantel, gleicher Hut, gleiche Tasche –“ in ihrer Familie aufgewachsen. Nach dem Fiasko der Weimarer Republik habe Deutschland „unter den Nazis einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt“. Aber das Regime sei „zusehends radikaler“ geworden, und Deutschland habe sich „zu einem totalitären Staat entwickelt“. Davon habe sie bis zu ihrem achten Lebensjahr nicht viel mitbekommen. Das änderte sich jedoch mit Beginn des Krieges 1939.

Eines Tages habe sie ihre Eltern eng umarmt und weinend im Schlafzimmer angetroffen. „Der Krieg ist erklärt worden“, haben sie geschluchzt. Und für die kleine Helga brach eine schreckliche Zeit an. „Ich war noch zu jung, um mich gegen die braunen Diktatoren zu wehren, aber schon alt genug, um die Ängste und Sorgen meiner Eltern und den Schmerz meiner Großmutter mitzuerleben“, erinnert sich Starossom mit hörbar belegter Stimme.

Ihre sorglose Kindheit machte quasi im Zeitraffertempo einem buchstäblich trostlosen Dasein Platz. Starossom berichtete von „Hitlergruß-Appellen“ auf dem Schulhof und dem schikanierenden und Angst einflößenden Blockwart ihrer Straße: „Sie haben die Fenster nicht richtig verdunkelt. Das ist Wehrkraftzersetzung. Darauf steht die Todesstrafe. Und wenn das noch einmal vorkommt, lasse ich Sie mit ihrer ganzen Familie an die Wand stellen und erschießen.“ Derartige „Kriegsnebenschauplätze“ sorgten immer wieder für traumatische Erlebnisse für das Mädchen.

Noch weitaus schlimmer war für Starossom der Bombenangriff auf Celle am 8. April 1945. Diesen erlebte sie hautnah, als sie mit ihrem Fahrrad vom Bahnhofsplatz über die Allerbrücke in Richtung Biermannstraße fuhr: „Ich flog durch die Druckwellen mit meinem Fahrrad durch die Luft und stürzte auf die Straße.“ Als sie sah, wie die Bomben der zweiten Welle ausgeklinkt wurden und „wie ein Vogelschwarm“ näher kamen, habe sie nur noch voller Panik geschrien. Als es am Himmel wieder ruhig wurde, habe sie sich schließlich aufgerafft und mit dem demolierten Fahrrad auf den Heimweg gemacht. Sie wisse nicht mehr, wie sie nach Hause kam, aber „es war keiner da, der mich tröstete und auffing“.

Im letzten Kriegsjahr und nach Kriegsende sei das Leben vom Kampf ums Überleben bestimmt gewesen, erzählt sie. Mit 14 habe sie „geschuftet wie ein Mann“, habe mit ihrem Vater in Großmoor Torf gestochen und in Garßen abgebrannte Bäume gefällt, um etwas Brennmaterial für den kleinen Eisenofen zu haben. „Noch heute kann ich keine Lebensmittel wegwerfen“, sagt sie, „und ich trenne mich immer noch schwer von noch tragbaren Kleidungsstücken“.

Von Rolf-Dieter Diehl