Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Faßberg Gelungener Start in Landpartie
Celler Land Faßberg Gelungener Start in Landpartie
12:54 22.05.2018
Der Auftakt der Theater Landpartie des Celler Schlosstheaters fand am Sonntag auf dem Müdener Winkelhof mit dem Stück „Der Kirschgarten“ statt. Quelle: Oliver Knoblich
Anzeige
Müden (Örtze)

MÜDEN. Ein Meer aus weißen Papierschnipselchen treibt in der leichten Brise, einem zarten Blütenregen gleich. Die Assoziation ist durchaus gewollt – steht doch an diesem Sonntag der Auftakt der diesjährigen Theater Landpartie mit Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ auf dem Programm.

Tschechows großer Klassiker also, der hier in Müden zur Aufführung kommt – und doch wieder nicht. „Erster Akt: Der Kirschgarten muss vielleicht verkauft werden. Zweiter Akt: Der Kirschgarten wird verkauft werden. Dritter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft. Vierter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft worden.“ So nüchtern die Zusammenfassung des französischen Regisseurs Jean-Louis Barrault, die Schlosstheater-Intendant Andreas Döring zu Beginn der gut eineinhalbstündigen Vorstellung zitiert, so reduziert auch die Inszenierung von Regisseurin Juliane Kann.

Anzeige

Auf der Bühne nur die Hauptfiguren des gesellschaftskritischen Tschechow-Stückes – Auftritt von Ljubow Andrejewna Ranewskaja (Katrin Steinke Quintana). Die einst wohlhabende Besitzerin des Gutes, zu dem der Kirschgarten gehört, hat sich nach dem Verlust von Ehemann und Sohn nach Paris geflüchtet. Mittellos kehrt sie in die russische Provinz zurück, um die Versteigerung des Anwesens zu verhindern. Empfangen wird sie von Adoptivtochter Warja (Johanna von Gutzeit), ihrem betagten Diener Firs (Thomas Wenzel) und Jermolai Alexejewitsch Lopachin (Alex Friedland), Sohn eines Leibeigenen auf dem Gutshof Ranewskajas, der mittlerweile zum Kaufmann aufgestiegen ist.

Lopachin hat einen Plan: Der Kirschgarten soll abgeholzt, in Parzellen eingeteilt und mit Sommerhäusern darauf an Gäste vermietet werden – so ließe sich der drohende Verlust des Gutes vielleicht noch abwenden. Allein Veränderungen sind Ranewskajas Sache nicht – zu sehr ist die alte Frau in mittlerweile überholten gesellschaftlichen Strukturen verhaftet. „Sommerhäuser, Sommerfrischler – einfach geschmacklos“, findet sie, und weigert sich, den Kirschgarten zu verpachten. Es kommt, wie es kommen muss: Der Kirschgarten wird verkauft – und fällt, Symbol einer neuen Zeit, letztendlich Lopachin in die Hände.

Kanns minimalistische Inszenierung, die – bis auf einige rote und weiße Stühle – gänzlich auf Requisiten und Nebendarsteller verzichtet, ermöglicht tiefe Einblicke in das Innenleben der einzelnen Figuren. Wer klammert sich an die Vergangenheit, wer will die Zukunft gestalten? „Was bleibt denn von den vielen ‚Man-müsste-eigentlich’-Gesprächen (…)? Wo bleibt denn die wahre Menschlichkeit, die gelebte Gerechtigkeit, das in die Tat umgesetzte Wort, der genutzte Augenblick?“ – großartig hier der leidenschaftliche Monolog von Warja, nach dem heftiger Szenen-Applaus einsetzt. Auch nach Ende der Aufführung hagelt es Applaus – ein gelungener Start in diesjährige Landpartie-Reihe.

Von Christina Matthies

Christopher Menge 14.05.2018
Christopher Menge 09.05.2018
Christopher Menge 04.05.2018
Anzeige