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Bröckel Prunksitzungen mit Ohrwürmern am laufenden Band
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Bröckel Prunksitzungen mit Ohrwürmern am laufenden Band
17:01 03.03.2019
Von Carsten Richter
Beim Bröckeler Karneval gab es lauter lachende Gesichter.  Quelle: David Borghoff
Celle

Das närrische Rheinland hat eine Exklave mitten in Niedersachsen. Im Südosten des Landkreises Celle. Denn was die Mitglieder des Ersten Bröckeler Karnevalsvereins am vergangenen Freitag und Samstag zum nunmehr 30. Mal auf die Beine gestellt haben, muss sich vor den Hochburgen wie Köln, Düsseldorf oder Mainz nicht verstecken. Schon bevor um Punkt 20.11 Uhr am Samstagabend die Funken und der Jeck Bernd Grabowski zur Prunksitzung im Saal des Gasthauses Zur Post einmarschieren, sind alle in bester Feierlaune. „Viva Colonia“ schallt es durch den Raum, in dem sich rund 300 Bröckeler zur alljährlichen Sause eingefunden haben – und schon hat sich jeder Gast im Handumdrehen von der ausgelassenen Stimmung anstecken lassen.

Gäste heben mit dem "Helicopter" ab

Drei Stunden beste Unterhaltung nonstop boten die Bröckeler Jecken ihrem Publikum. Bei Tanz, Musik und launigen Wortbeiträgen hielt es fast niemanden auf dem Stuhl. Im Gegenteil: Mit jeder Darbietung zeigte das knapp 1800 Einwohner große Dorf, was in ihm steckt. Bröckel ist bunt, heiter, verrückt. Jedenfalls einmal im Jahr. Da wird geschunkelt, geklatscht, gelacht. Bis die Stimmung mit dem „Helicopter 117“ („Mach den Hub Hub Hub / Mach den Schrauber, Schrauber, Schrauber / Mach den Helicopter 117“) ihren Höhepunkt erreicht und die Gäste beinahe wortwörtlich abheben, steigert sich die Stimmung von Beitrag zu Beitrag, der jeweils mit einem dreifachen „Bröckel hopp“ quittiert wird. Der Ort singt sich lautstark von einem Ballermann-Ohrwurm zum nächsten. Die Füße stehen nicht mehr still und die Hände fangen langsam an zu schmerzen vom permanenten Applaus.

„Bühne frei, es möge beginnen die Narretei“

Noch bevor Präsidentin Monika Krüger die Narrenschar begrüßt und der Abend zunächst wie gewohnt zünftig mit dem Radetzky-Marsch beginnt, sorgt Manuel mit dem Warm-up für erste Lacher: Wer eine „30“ auf seinem Luftballon hat, soll auf die Bühne kommen. Wessen Ballon zuerst platzt, bekommt ein Freigetränk. „Bühne frei, es möge beginnen die Narretei“ ruft Monika Krüger – und los geht‘s. Wobei der erste Wortbeitrag den Herren im Saal nur ein müdes Lächeln abringt. Liegt wohl am Thema: Männerschnupfen. Das vermeintlich starke Geschlecht soll ja sogar schon „an Blähungen verreckt“ sein, hört man da von Nadine, Silvia und Diana.

Auch Donald Trump bekommt sein Fett weg

Wir bleiben beim Thema Medizin: Christiane und Hans-Georg unterhalten sich im Wartezimmer einer Bröckeler Arztpraxis. In ihrem „Patientengespräch“ schlagen sie einen Bogen vom Gemeindebürgermeister („Der sieht ja fast aus wie Reiner Calmund“) bis hin zum US-Präsidenten, der sich „mit Hohlraumversiegelung“ ja wohl gut auskenne. Zwischendurch geben sich „Roland Kaiser“ und „Maite Kelly“ ein Stelldichein – und finden damit nach ein paar Ehrungen die perfekte Überleitung zum zweiten Teil des Gesprächs, wo es dann richtig intim wird. „Ich habe nach dem Sex immer so ein Pfeifen im Ohr“, klagt der nicht mehr so junge „Patient“. „Na, was erwarten Sie denn in ihrem Alter?“, habe der Arzt ihm gesagt. „Etwa Standing Ovations?“

Wird ansonsten mit Lokalkolorit in den Prunksitzungen gespart, so bietet sich bei diesem Beitrag eine Spitze gegen die Nachbargemeinde Langlingen geradezu an. „Die bekommen keinen Arzt“, wird da geätzt, und im selben Atemzug wird der geplante Bau des Bröckeler Senioren- und Gesundheitszentrums aufgegriffen.

Zuschauer rufen nach Zugabe

Nach so viel „Ernsthaftigkeit“ wird es wieder höchste Zeit für Unterhaltung: Die „Bröckeler Spatzen“ Aaron, Freddy und Lukas präsentieren den Bifi-Song, „Karlsson vom Dach“ schaut sich Kinderserien – von Pippi Langstrumpf bis Bibi & Tina – an. Da werden Erinnerungen wach ... Kein Wunder, dass die Gäste sich schnell von den Titelmelodien anstecken lassen und frenetisch Zugabe verlangen. Das lassen sich die Akteure nicht zweimal sagen – der Wunsch des Publikums ist ihnen, wie im weiteren Verlauf des Abends noch mehrmals, Befehl.

Von ACDC bis Wolfgang Petry

Hätten die Gäste gewusst, dass noch „ACDC“, „Ben Zucker“, „Cordula Grün“ und eben der „Helicopter“ die Stimmung zum Kochen bringen, hätten sie sich vielleicht nicht schon bei „Wolle“ Petry so verausgabt. Doch seine Songs sind einfach ein Dauerbrenner – um nicht zu sagen „Wahnsinn“. Noch dazu mit der erstaunlichen Erkenntnis, dass auch Frauen sein schwarz-weiß-kariertes Hemd wunderbar tragen können. Apropos Staunen: Celine Dions Titanic-Soundtrack „My heart will go on“ ist ja überhaupt nicht melancholisch. Jedenfalls in der Version von Lukas, Mailin und Lena. Und schon gar nicht, wenn dazu ein Laubbläser ordentlich Wind macht und mehr aufwirbelt als nur Papierschnipsel.

Karneval in Bröckel, das ist auch im 30. Jahr eine absolute Gute-Laune-Garantie. Selbst ein kurzer Bühnenumbau läuft nicht Gefahr, zum Stimmungskiller zu werden – die Akteure gönnen sich keine Pause und machen einfach vor dem Vorhang weiter.

Und selbst nach der traditionellen Polonaise durch den Saal ist nur der offizielle Teil zu Ende – die Party geht noch lange weiter. „Kölle Alaaf“ schallt es beim Verlassen des Saals. Und es bestätigt sich der Eindruck, dass das Rheinland eine Exklave in der Südheide hat ...

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