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Wienhausen Weißfische werden zur Rarität
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Wienhausen Weißfische werden zur Rarität
13:57 13.06.2010
Norbert Rode an der Aller bzw. dem zugewachsenen Rohr zum Seitenarm Quelle: Torsten Volkmer
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Offensen

Still dümpelt die Pose im Wasser, das schmackhafte Madenbündel hängt auch nach Stunden des Wartens unversehrt am Haken: Angeln an der Oberaller hat sich in jüngster Zeit vom Gedulds- zum Glücksspiel entwickelt.

Zumindest wenn das geschuppte Objekt der Begierde zur Gattung der Weißfische zählt. „Seit längerem klagen Fischer über einen geringen Weißfischbestand“, sagt Norbert Rode, 1. Vorsitzender des Wienhäuser Fischereivereins „Früh Auf“. Wo sich sonst im Allerwasser zwischen Celle und Langlingen große Populationen von Rotaugen, Brassen oder Güster tummelten, herrscht mittlerweile offenbar gähnende Leere. Und das, obwohl der Wienhäuser und die Celler Fischereivereine im vergangenen Jahr rund 800 Kilogramm Weißfisch in die Aller eingesetzt haben. – Die Fische seien „dramatisch“ auf dem Rückzug, wie die Angelvereine festgestellt haben.

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Neben den bekannten Faktoren Angler, Kormoran, dem sich in der Aller wohlfühlenden Raubfisch Waller sowie einigen Sommerhochwassern, in deren Folge ein Großteil der Fische über die Wehre hinfort gespült worden sein könnte, gibt es aus Sicht der Vereine noch einen weiteren Grund für den tierischen Schwund: Die Altarme der Aller drohen als Laichgebiet der Fische zunehmend auszuscheiden. Im Gegensatz zur Fließ-Aller fänden die Fische in den alten Allerschlingen gute Unterstände – Pflanzen und Gehölz – und einen „natürlichen Rückzugsraum“, wie Rode erklärt. – Allerdings müssten sie dafür auch in die Altarme hineinschwimmen können. Die Rohre zur Aller, meistens die letzte Verbindung zwischen Fluss und Altarm, sind in den vergangenen Jahren jedoch immer stärker verlandet. – Den einst vitalen Fisch-Kinderstuben droht ein Tümpel-Dasein.

An der Frage nach der Zuständigkeit für die Altarm-Pflege scheiden sich indes die Geister: 2000 stellte das Land seine bis dato gültige Verantwortung in Frage. Seitdem diskutieren Landkreis, Mittelallerverband als Vertreter der anliegenden Aller-Kommunen, Wasserbehörden und Fischereivereine um die Altarm-Kompetenz. „Eine sehr komplexe Materie“, sagt Kreisdezernent Gerald Höhl und verweist auf die einzelnen Plansfeststellungsbeschlüsse, die zwischen 1960 und 1980 für die Arme entworfen worden sind. „Wir können daher nicht jeden Altarm gleich behandeln“, erklärt Höhl.

Genau das erhoffen sich die Angelvereine. So wäre die Öffnung der Arme zur Aller – wie etwa in Osterloh – ein probates Mittel für deren (Wieder-) Belebung, wie Rode ausführt. Immerhin: Noch in diesem Jahr soll eine Klärung her, wie Höhl sagt: „Wir sprechen mit den Beteiligten und wollen eine Lösung finden: Wer hat sich wie um die Arme zu kümmern.“ Unabhängig davon wollen die Vereine dafür sorgen, dass sich bereits 2010 vermehrt Weißfisch in der Aller finden lässt: Sie haben umfangreiche Besatz-Aktionen angekündigt.

Siebenmal „durchstochen“: Die Entstehung der Aller-Altarme

Die Altarme der Aller, etwa bei Osterloh, Oppershausen oder Langlingen, sind erst infolge menschlichen Eingriffs in die Natur entstanden. Regelmäßige Überflutungen während der 1950er Jahre – häufig verbunden mit hohen Ernteverlusten – zwangen die Niedersächsische Landesregierung zum Handeln: In ihrem Auftrag entwickelte das damalige Wasserwirtschaftsamt Celle auf Grundlage des „Aller-Oker-Leine-Plans“ 1963 einen Entwurf zum Ausbau der Aller von Dieckhorst (Landkreis Gifhorn) bis zum Celler Wehr. Der neu ins Leben gerufene „Wasserverband Mittelaller“ unter seinem Vorsitzenden, dem Oberkreisdirektor Axel Bruns, wäre allerdings mit den Kosten des Ausbaus überfordert gewesen. Daher schloss der Wasserverband bereits 1959/60 einen Vertrag mit dem Land Niedersachsen über die „Planung der wasserbaulichen Arbeiten“ ab. 60 Prozent der Ausbaukosten sollten der Bund, 30 Prozent das Land und zehn Prozent der Wasserverband tragen.

1962 wurden bereits das Osterloher Wehr erbaut und die stromab- beziehungsweise stromaufwärts liegenden Allerwindungen am „Theewinkel“ und „Schwanenhals“, „durchstochen.“ Diese Flussschleifen hatten sich als besonders hinderlich für den Wasserabfluss herausgestellt – zurück blieben so genannte Altarme der Aller.

Auf der 35 Kilometer langen Allerstrecke bis Celle wurden bis 1980 insgesamt sieben solcher „Durchstiche“ vorgenommen, wodurch sich der Flusslauf um fünf Kilometer verkürzte. Die Wehranlagen in Langlingen, Oppershausen und Osterloh sollen seitdem die durch die Begradigung erhöhte Fließgeschwindigkeit der Aller kompensieren.

Von Eike Frenzel